Spezialisten von Bosch Rexroth hieven in Dubai tonnenschwere Schiffe millimetergenau aus dem Arabischen Golf – und das unter schwierigsten Bedingungen. Spezielle Technik schützt vor Sand, Salzwasser und hoher Luftfeuchtigkeit, hochpräzise Antriebe verteilen die Schiffe auf über 40 Liegeplätze. Alles über den Landgang der Ozeanriesen im Zukunftsemirat der Superlative lesen Sie hier..

Fahrstuhl für Frachter – in flirrender Hitze (Teil 1 von 3)

Dubai. Wo, um Himmels willen, kann ich mir hier mal kurz ein 6.000-Tonnen-Schiff ausleihen? Peter Ballemans telefoniert sich seit Tagen die Finger wund: „Hier ist alles, was sich irgendwie auf dem Wasser halten kann, ausgebucht“. Kein Wunder in einer von Baustellen durchzogenen Hafenstadt, in der sich angeblich ein Viertel aller weltweit verfügbaren Kräne dreht, in der die gut 70 Kilometer lange Küste gerade durch gigantische Aufschüttungen auf ein Vielfaches verlängert wird. In Dubai.

Und mitten in der Millionenmetropole am Arabischen Golf steht der niederländische Bosch Rexroth-Ingenieur Ballemans, das Handy am Ohr, und versucht über das Getöse des Verkehrs hinweg seinem Gesprächspartner klarzumachen, wie dringend er ein mittelgroßes Schiff braucht, Form und Farbe egal, nur für ein paar Tage.

Etwas entfernt, auf einer künstlich aufgeschütteten Halbinsel, beugt sich Ballemans’ Kollege und Landsmann Frans van der Krabben in einer staubigen Bauhütte über ein paar technische Pläne. An der Tür ein Schild: „Rexroth. Bosch Group“. Die mit Klebeband abgedichtete Klimaanlage surrt und klappert, kämpft selbst im Winter tapfer gegen die arabische Hitze. In einer Ecke stapeln sich Wasserflaschen, durch schmale Ritzen weht feiner Sand auf den abgetretenen Boden, von draußen lärmen Hämmer, kreischen Sägen, dumpf dröhnt Stahl auf Stahl.

Frans van der Krabben – braungebrannt, freundlich und mit einem Handschlag, den er offensichtlich aus seiner Zeit bei der Handelsmarine mitgebracht hat – hat sich an den Krach längst gewöhnt. Die Lärmquelle liegt nur wenige Schritte entfernt: Zwölf Hochseeschiffe ragen hier in den heißen, blauen Himmel, auf metallenen Schlitten sauber aufgereiht, beblitzt und beflackert von Schweißflammen und Funkenflug. Und dafür, dass diese Schiffe hier auf festem Boden sicher repariert werden können, haben Ballemans, van der Krabben und viele andere Mitarbeiter von Bosch Rexroth  hart gearbeitet.

Denn in nur gut anderthalb Jahren haben die niederländischen Spezialisten hier die größte Schiffshebeanlage der Region errichtet – und das unter schwierigsten Bedingungen: „Im Sommer wird es hier bis zu 50 Grad heiß“, sagt Sales Manager Hans van Herwerden, „eine echte Herausforderung für Menschen und Material“. Spezielles Design war nötig, um die empfindliche Technik vor Hitze, Sand, Salzwasser und Luftfeuchtigkeit zu schützen.

Doch der Aufwand hat sich gelohnt: „Diese Anlage ist für uns von strategischer Bedeutung, ein absolutes Referenzobjekt“. Van Herwerden steht auf dem Dach des vierstöckigen Kontrollgebäudes und blickt über eine riesige, sandige Betonfläche, von Schienensträngen durchzogen. Eine Weite, in der selbst große Kräne wirken, als kämen sie direkt aus dem Modellbaukasten.

Was er sieht, ist eine der größten Baustellen der Welt, gut zwei Quadratkilometer groß und in Tausend und einer Nacht, in knapp drei Jahren also, aus 32 Millionen Kubikmetern Sand ins warme Wasser des Arabischen Golfs gezaubert: die Dubai Maritime City, bald Wohn- und Arbeitsort für 100.000 Menschen, „ein einzigartiges Kompetenzzentrum in der Welt der Seefahrt, eine wunderbare Hochzeit von Handel und Meer“, so Nawfal Al-Jourani, der Marketingchef des Projekts. Und am Ufer einer betonierten Bucht die Schiffshebeanlage: ein Schienensystem, zwei große Becken, 90 Meter lang das eine, 130 Meter das andere.

„Als wir uns um den Auftrag beworben haben, war hier nur Wasser, das Land noch nicht aufgeschüttet“, erinnert sich van Herwerden. Doch dass er heute, gut zwei Jahre später, hier stehen sollte, das vollendete Projekt vor den zufriedenen Augen, war damals noch keineswegs ausgemacht. Denn schließlich lag den Auftraggebern in den Vereinigten Arabischen Emiraten nicht nur das Angebot von Bosch Rexroth vor.

Lesen Sie im nächsten Teil, wie mit Geduld und Geschick der Großauftrag gesichert wurde, wie man sich trotz brennender Wüstensonne auf einer Skipiste entspannt und ob Peter Ballemans endlich sein Schiff findet…

Boomtown Dubai: „Der Motor läuft 24 Stunden“ (Teil 2 von 3)

Dubai. „Ohne Vertrauen geht hier gar nichts“: Hans van Herwerden weiß mittlerweile ganz genau, wie man auf der Arabischen Halbinsel erfolgreich Geschäfte anbahnt. „Offenes, ehrliches und langfristig orientiertes Auftreten kommt am besten an“, sagt der niederländische Ingenieur, bei Bosch Rexroth zuständig für den Vertrieb von Schiffshebetechnik. Zusammen mit seinem Kollegen Peter Ballemans reiste er wieder und wieder zur Jadaf-Werft nach Dubai, verhandelte dort mit den indischen Anwälten und arabischen Managern des Unternehmens über den Bau des Hebewerks.

„Einfach war das nicht“, erinnert sich Peter Ballemans, „Jadaf favorisierte nämlich zunächst das Angebot des Wettbewerbers“. Also lud man Geschäftsführer Hamid Bin Lahej kurzerhand nach Schottland ein, zeigte ihm dort ein von Bosch Rexroth konstruiertes Hebewerk, ließ sich vom Schifffahrtsgutachter Lloyd’s die technische Überlegenheit des Angebots bestätigen – und erhielt schließlich den Zuschlag für die beiden Hebebühnen. „Damit können wir bis zu 145 Meter lange und 6.000 Tonnen schwere Schiffe aus dem Wasser holen, das ist mehr als doppelt so viel wie bisher“ – auch Auftraggeber Bin Lahej ist nun überzeugt.

Die kleinere Plattform für Schiffe bis zu 3.000 Tonnen ist schon seit Ende 2006 in Betrieb, die größere muss noch abschließend getestet werden. Dafür sucht Ballemans nun ein entsprechendes Schiff, sitzt im Taxi und telefoniert.

Zeit hat er genug, denn der Verkehr schleppt sich durch Dubai wie ein müdes Kamel durch die Wüste. Allein 2006 wurden hier mehr als 210.000 Fahrzeuge (mit Hupe!) angemeldet, eine U-Bahn wird noch gebaut. Also Taxi: „Der Motor läuft 24 Stunden“, sagt Anand Shankar, „ich fahre von fünf Uhr nachmittags bis fünf Uhr morgens, dann übernimmt mein Kollege das Steuer“. Und Shankar die gemeinsame winzige Wohnung. Der Taxifahrer aus Südindien lebt seit zwei Jahren in Dubai, hat seitdem jeden Tag gearbeitet – und gehört sowohl als Ausländer wie auch als Mann zur großen Mehrheit der knapp 1,5 Millionen Einwohner: Nur jeder fünfte Dubai’in ist Staatsangehöriger der Vereinigten Arabischen Emirate, der Frauenanteil in der Stadt liegt bei gut einem Viertel.

Abgesehen vom Verkehr ist das Tempo in Dubai allerdings atemberaubend: „Fabelhaft, wie schnell hier alles geht“, sagt Ballemans: „Hier entsteht ein neues Zentrum der Welt“. Und wirklich: das höchste Gebäude, die luxuriösesten Hotels, künstliche, kilometerlange Palmeninseln mit Tausenden von Villen – die ganze Stadt ein einziger Superlativ.

„Man hat hier früh begriffen, dass die Einnahmen aus dem Ölgeschäft irgendwann zu Ende sein werden“, erklärt Nawfal Al-Jourani, der freundliche PR-Chef der Maritime City, den Boom am Golf: „Also ist das Geld nicht ausgegeben, sondern investiert worden“. Noch aber wird die Wirtschaft des kleinen Emirates von Ölgeldern angetrieben – „allerdings nicht von den eigenen“, betont Johann-Adolf Cohausz, der deutsche Generalkonsul in Dubai: „Viele Investitionen kommen aus Abu Dhabi und den Nachbarländern“. Das eigene Öl trägt nur noch fünf Prozent zur Wirtschaftsleistung bei.

Grenzen für Geld und Willenskraft scheint es jedenfalls nicht zu geben: Am Stadtrand, wo vor wenigen Jahren noch Wüste war, rast – ausnahmsweise – der Verkehr über die zwölfspurige Sheik-Zayed-Road, durch Wolkenkratzerschluchten, vorbei an riesigen Einkaufszentren. Hier, in der Mall of the Emirates, hat sich Hans van Herwerden manchmal während der monatelangen, anspruchsvollen Verhandlungen kurz erholt. Allerdings nicht beim Tütenschleppen: „Draußen ist es vor Hitze kaum auszuhalten, und drinnen kann ich bei minus 2 Grad zwischen fünf Abfahrten auswählen – das ist schon verrückt“, sagt Herwerden. Zur Mall gehört die größte Skihalle der Welt: Mehr als 22.000 Quadratmeter Schnee mit einem Höhenunterschied von bis zu 60 Metern warten hier auf Wintersportler und Wüstenmüde, Sessellift natürlich inklusive.

Dieser Dubaier Sinn für Rekorde und Spitzenleistungen – Al-Jourani: „Wir wollen immer alles noch ein bisschen besser machen“ – war für van Herwerden und Ballemans willkommene Argumentationshilfe während der Verhandlungen: „Wir haben damals gesagt, hier ist alles State-of-the-art, also sollte das auch für die Schiffshebeanlage gelten.“ Und nun soll der Test zeigen, ob die arabischen Auftraggeber den Spezialisten von Bosch Rexroth auch bei der größeren Plattform zu Recht vertraut haben.

Lesen Sie im nächsten Teil, ob die Anlage zertifiziert wird, welche Rolle ein Zehntelmillimeter spielen kann und was 21 Airbus A 380 mit einer Schiffshebeanlage zu tun haben…

Tests und Türme: Höchstleistungen im Zukunftsemirat (Teil 3 von 3)

Dubai. Anand Shankar steuert das Toyota-Taxi Richtung Maritime City, quält sich durch die brodelnde Altstadt Dubais, im Schritttempo vorbei an Inderinnen in farbenprächtigen Saris, an Arabern in traditionellen, blütenweißen Dischdaschas, vorbei an schwarz verhüllten Frauen und pakistanischen Händlern in knöchellangen Kaftans. Auf dem Rücksitz sitzt Bosch Rexroth-Ingenieur Peter Ballemans, blickt auf die zahllosen kleinen Läden, auf die Schilder, die in Englisch und Arabisch, in Urdu, Tamil, Hindi um Kundschaft werben, dazwischen chinesische Zeichen, vereinzelt auch Kyrillisch.

Plötzlich klingelt das Handy, und Ballemans hat keinen Blick mehr für die Gewürze und Stoffe in den Auslagen. Auch nicht für die vielen Plakate, die zum Kauf einer Wohnung im „Boris Becker Business Tower“ auffordern. Ein Mitarbeiter der Jadaf-Werft ist dran, er hat endlich zwei Barken aufgetrieben, die zwar nicht ganz 6.000 Tonnen wiegen, für die Zertifizierung durch Lloyd’s aber völlig ausreichen. Wahlweise hätten es – nur mal zum Vergleich – auch 21 Airbus A 380 getan, die es zusammen ebenfalls auf knapp 6.000 Tonnen bringen...

An der Einfahrt zur Maritime City prüfen indische Sicherheitsleute Ballemans’ Papiere, dann geht es durch ein Gewirr staubiger Baustellenpisten bis zu den riesigen Flächen des Schiffshebewerks. Gerade steuert ein Frachtkahn in das kleinere der beiden Becken, unter dem Wasserspiegel wartet eine Plattform, darauf ein metallener Transportschlitten auf Schienen. Dann genügt ein Knopfdruck im Kontrollturm, die Servomotoren heulen hell und leise auf, ein Warnhorn blökt, und 14 Winden heben Stahlrost, Schlitten und Schiff aus dem Wasser, langsam, 30 Zentimeter pro Minute. Je höher das Schiff steigt, umso kleiner wirken die Menschen am Beckenrand.

Jede der Winden ist für ein Maximalgewicht von 375 Tonnen ausgelegt; zwei Bremsen, eine im Motor, die andere direkt an der Winde, sorgen für Sicherheit. Gesteuert werden die Antriebe durch ein ausgeklügeltes Kontrollsystem: „Die maximale Abweichung zwischen zwei Winden liegt unter einem Zehntelmillimeter“, erklärt Hans van Herwerden, „das ist wichtig, damit die Schiffe nicht abrutschen“. Höchste Präzision also für enorme Lasten – allein die größere der beiden Plattformen bringt es auf 1.200 Tonnen Eigengewicht.

Wenige Tage später kreuzen schließlich die angekündigten Barken auf. Die beiden mastlosen Boote schippern in das größere Becken, werden vertäut, und dann drückt Bosch Rexroth-Ingenieur Raymond van Beek zum ersten Mal den „Heave up“-Knopf der 6.000-Tonnen-Anlage – alles läuft einwandfrei, Anlage freigegeben.

Und so wälzen sich nun immer mehr gewaltige Kähne rumpelnd über das mitgelieferte Schienensystem weiter an Land, gesellen sich zu dem Dutzend der Schiffsriesen, die bereits auf ihren Liegeplätzen gewartet werden.

Weit hinter der Werft, am Horizont, hocken dunstig Dubais Wolkenkratzer, alles überragend der Burj Dubai, jetzt schon das höchste Gebäude der Welt, 800 Meter sollen es werden, doch noch wird gebaut. Die Spezialisten von Bosch Rexroth aber packen schon ihre Koffer für das nächste Projekt, verlassen das arabische Übermorgenland mit seinen märchenhaften Bauprojekten und kühnen Zukunftsfantasien. Was bleibt, ist alles andere als eine Fata Morgana. Was bleibt, ist modernste Technik fürs Heben…

Weitere Informationen
Bilder aus der Maritime City
Ein Transfersystem bringt die Schiffe in weniger als 2 Stunden zu ihrem Liegeplatz an Land.
Die 90 Meter lange und 25 Meter breite Hebebühne.
Hochseeschiffe vor der Skyline des neuen Dubai
Bauarbeiten am Transfersystem