März 2011

Prof. Dr. Meinhard Miegel

Vorsitzender des Vorstandes des Denkwerks Zukunft und Sachverständiger der Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“

Interview mit Meinhard Miegel

Die Bundesregierung hat eine neue Enquete-Kommission zum Thema "Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität“ eingesetzt. Warum müssen wir unsere Vorstellung von Wohlstand und Wachstum überdenken?

Miegel: Weil Wohlstand und Wachstum lange Zeit einander gleich gesetzt und darüber hinaus weitgehend auf Materielles beschränkt wurden. Beides hat sich als irrig erwiesen. Wachsen kann alles Mögliche, ohne dass dadurch der Wohlstand zunimmt. Dieser kann sogar wachstumsbedingt sinken, wenn beispielsweise unersetzliche Ressourcen verbraucht oder die Umwelt beschädigt werden. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass für das Wohlstandsverständnis der meisten nicht nur und noch nicht einmal vorrangig materielle Aspekte bedeutsam sind. Mindestens ebenso wichtig sind Gesundheit, eine intakte Familie, Freunde, Muße und vieles andere. Dem ist künftig Rechnung zu tragen. Sonst erfassen die verwendeten Messgrößen nicht die Wirklichkeit.


Worin sehen Sie die ökologischen und sozialen Grenzen des Wachstums und kann es innerhalb dieser Grenzen überhaupt noch Wachstum geben?

Miegel: Wenn Natur und Umwelt, aber auch Individuen und Gesellschaft streiken oder richtiger: Wenn sie alle Anzeichen der Erschöpfung zeigen, sind Grenzen erreicht. Ein verlässlicher Anhaltspunkt hierfür sind die erforderlichen Reparaturaufwendungen. Steigen sie ständig an, gilt es umzusteuern. Wie entsprechende Berechnungen zeigen, wird schon jetzt ein großer Teil des Wachstums benötigt, um die durch eben dieses Wachstum verursachten Schäden - sofern dies überhaupt möglich ist - wieder zu beheben. Das ist kein sinnvolles Wirtschaften. Umgekehrt: Werden die Grenzen physischer und psychischer Erschöpfung respektiert, ist Wachstum durchaus möglich. Aber es muss ein deutlich anderes Wachstum sein als das seit Beginn der Industrialisierung praktizierte.


 

In den Industrieländern wird Wohlstand heute überwiegend als materieller Wohlstand verstanden. Sie sehen bestimmte Optionen für ein künftiges Wohlstandsmodell. Welche Rolle spielen dabei einerseits die Fähigkeit zu Genügsamkeit und andererseits die Fähigkeit zu Innovation und Wandel?

Miegel: Beide spielen eine ganz wesentliche Rolle. Ohne bahnbrechende Innovationen und die umfassende Anpassung an sich fundamental verändernde Lebensbedingungen werden sieben und in naher Zukunft neun Milliarden Menschen weder menschenwürdig noch überhaupt leben können. Hier steht der Menschheit ein hartes Stück Arbeit bevor. Aber selbst wenn sie, was ich hoffe, hierbei erfolgreich ist, werden die wohlhabenden Völker, zu denen wir Deutsche ohne Zweifel zählen, Abstriche an ihrem materiellen Lebensstandard hinnehmen müssen. Unser heutiger Lebensstil ist nämlich weder verallgemeinerungs- noch zukunftsfähig. Dazu ist er schlicht zu aufwendig.


Sind die Menschen und die Gesellschaft schon zu einer breiten Diskussion über diese Fragen bereit und welche zentralen Impulse erwarten Sie hier von der Enquete-Kommission?

Miegel:Nein, zu einer breiten Diskussion ist die Mehrheit noch nicht bereit. Aber die bereite Minderheit wächst schneller als ich zu hoffen gewagt habe. Wenn beispielsweise die Bundeskanzlerin, die noch zu Beginn dieser Legislaturperiode das Wachstum zum Schlüssel des Ganzen erkoren hatte, heute erklärt, es sei "einer der fatalsten Irrtümer" gewesen, "das Wachstum über alles gesetzt" zu haben, dann ist dies nicht nur ein bemerkenswerter, sondern auch ein hoffnungsfroh stimmender Vorgang. Ich denke, dass die Arbeit der Enquete-Kommission in der gleichen Richtung fortwirken wird.


 

Weil das Bruttoinlandsprodukt inzwischen als ungeeignet gilt, Wohlstand und gesellschaftlichen Fortschritt geeignet zu messen, will die Europäische Kommission bis 2012 neue Indikatoren zur Wohlstandsmessung erarbeiten. Frankreich hat bereits Ende 2009 seine Vorschläge vorgelegt. Welche Akzente sollte Deutschland setzen?

Miegel: Die deutschen Bemühungen sind eingebettet in eine Vielzahl ähnlicher Aktivitäten, weshalb sich die Enquete-Kommission zunächst einmal das gründliche Studium des Vorhandenen verordnet hat. Das sind Berge. Besondere Aufmerksamkeit wird sie jedoch zum einen der Frage widmen, wo die Möglichkeiten und Grenzen der Entkopplung von Ressourcenverbrauch und technischem Fortschritt liegen und zum anderen, wie die als notwendig erkannten Veränderungen im Ordnungsrahmen der sozialen Marktwirtschaft verwirklicht werden können. Gerade das letztere könnte so etwas wie ein Trademark des deutschen Beitrags werden.


Kann von einer neuen Wohlstandsmessung ein Signal für eine neue Form des Wirtschaftens ausgehen, die ohne die Übernutzung und Ausbeutung von Ressourcen auskommt?

Miegel: Ein Signal ganz sicher. Die wohl größte Schwäche der derzeitigen Wohlstandsmessung ist ja, dass die Kosten dieses Wohlstands nur ganz unzulänglich erfasst werden. Bei ihrer zutreffenderen Erfassung würde sich zeigen, dass zum einen unsere bisherige Wohlstandsentwicklung viel bescheidener war als vielfach angenommen und zum anderen der Aufwand in neuerer Zeit steil angestiegen ist. Anders gewendet: Würde in Zukunft richtiger gerechnet, müssten die Ausbeutung der Ressourcen und die Belastung der Umwelt massiv zurückgeführt werden, wenn am Ende der Wohlstandsrechnung eine schwarze Zahl stehen soll.

 

(Die Fragen beantwortete Meinhard Miegel im März 2011)