Historische Aufnahme des Werkes Feuerbach.
Geschichte

75 Jahre – Die Feuerbacher Rede von Hans Walz

5 Minuten

17.07.2018

Am 17. Juli 1943 hielt der damalige Betriebsführer Hans Walz eine mutige Rede gegen die nationalsozialistischen Eingriffe in die Belange von deutschen Wirtschaftsunternehmen.

Er plädierte für ein freies und selbstbestimmtes unternehmerisches Handeln, da Bosch nur dadurch groß geworden wäre und weiterhin erfolgreich sein könne. Dies war ein offener Affront, zu einem kritischen Zeitpunkt, denn Deutschland befand sich mitten im Zweiten Weltkrieg. Die schnellen Siege der deutschen Armee waren vorbei, etwa 150 000 deutsche Soldaten waren im Kessel von Stalingrad umgekommen. Die deutsche Bevölkerung war vom Krieg zermürbt, weswegen der deutsche Propagandaminister Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943 den "Totalen Krieg" ausrief. Dies bedeutete die uneingeschränkte Mobilisierung personeller und materieller Ressourcen.

Portraitfotos von Hans Walz.
Hans Walz im Alter von 50 Jahren, 1933 (links) und gezeichnet von neun schweren Jahren, 1942 (rechts)

In dieser Situation schickte die Reichsregierung ausgewählte Journalisten zu Besuch in deutsche Industriebetriebe, um mit heroischen Zeitungsartikeln die darniederliegende Kriegsmoral wiederaufzubauen. Bei Bosch standen am 17. Juli eine Werkführung und verschiedene Referate auf dem Programm. Betriebsführer Hans Walz erboste jedoch bereits in seiner Begrüßungsansprache die Machthaber. In klaren Worten verurteilte er die Wirtschaftspolitik der Nationalsozialisten und damit auch den Krieg: „Auch der heutige Stand unseres Werkes ist höchstens in Hinsicht auf die forcierte Fertigungskapazität als Folge der seit etwa 1935/36 ins Dasein gerufenen Staats- und Kriegskonjunktur zu werten, im Übrigen aber hat diese Konjunktur mit ihren Folgeerscheinungen mehr negative als positive Wirkungen auf unsere Firma ausgeübt. Ohne Aufrüstung und Krieg hätten wir uns nach allem Ermessen bis jetzt zwar weniger stürmisch, dagegen aber besser und gesünder entwickelt.“ Nach diesem offenen Affront verließ der anwesende Gauwirtschaftsberater Reihle demonstrativ den Saal.

Eine Drohung und ihre Konsequenzen

Der „Lipp’sche Bau“ des Feuerbacher Werkes, 1935.
Der „Lipp’sche Bau“ des Feuerbacher Werkes, 1935. Ganz in dessen Nähe auf dem Feuerbacher Werksgelände hielt Hans Walz seine couragierte Rede.

Reihle liess verlauten, dass er dafür sorgen wolle, dass Hans Walz einer der nächsten sein sollte, „der auf’s Schafott komme ...“ Die Äußerungen von Walz hätten eigentlich die sofortige Verhaftung nach sich ziehen müssen, zumal Hans Walz bereits bei den Nationalsozialisten unter Beobachtung stand. Seit Oktober 1942 lief gegen ihn ein SS-Disziplinarverfahren. Er war Mitglied im „Freundeskreis Reichsführer SS“ geworden, um die Platzierung eines überzeugten Nazis in der Unternehmensführung bei Bosch zu verhindern. Dieser Kreis sollte Hitler in Wirtschaftsfragen beraten. Walz erschien zu den meisten Terminen jedoch nicht und tat sich offensichtlich auch sonst nicht hervor. Im Frühjahr 1943 lautete das Urteil dort über ihn: „Walz ist kein SS-Führer. […] Bereits die Aufnahme des W. in die SS war ein Fehler. Walz müßte also an sich aus der SS entlassen werden.“

Das Schlimmste verhinderte jedoch zum einen der SS-Obergruppenführer Gottlob Berger, dessen Vater mit Robert Bosch befreundet gewesen war. Er bürgte zum wiederholten Mal für Hans Walz. Zum anderen nutzte Walz die Tatsache, dass verschiedene Parteiorgane untereinander konkurrierten und versuchte diese gegeneinander auszuspielen.

Am Ende war für die Nationalsozialisten aber sicherlich ausschlaggebend, dass die Abläufe in einem kriegswichtigen Unternehmen nicht gestört werden sollten: „Walz ist zur Zeit Direktor der Boschwerke. Den Boschwerken, die für die Bewegung und insbesondere für die SS viel getan haben, würde durch die Entfernung des Walz aus der SS im jetzigen Zeitpunkt erheblicher Schaden entstehen.“

Es ist heute nicht mehr rekonstruierbar, was Hans Walz zu dieser mutigen Rede veranlasst hat, mit der er sein Leben riskierte. Vielleicht ertrug er als überzeugter Christ und Gegner der Nationalsozialisten das menschenverachtende System schlichtweg nicht mehr.

Kathrin Fastnacht

Seit 2007 bin ich Leiterin der Historischen Kommunikation bei Bosch und beschäftige mich mit der Bewahrung und Vermittlung unserer Unternehmensgeschichte. Zuvor war ich über 10 Jahre lang als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Selbstständige in verschiedenen Museen tätig. Als promovierte Historikerin und Kulturwissenschaftlerin will ich zeigen, dass Geschichte nicht verstaubt sondern aktuell und spannend ist - denn Zukunft braucht Herkunft.

Aufnahme Kathrin Fastnacht

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