Computer Mainframe
Geschichte

Jeden Montag Pflege ab 6 Uhr – ein Großrechner bei Bosch

5 Minuten

15.09.2016

Im Oktober 1970 war es endlich soweit: Ein leistungsfähiger Großrechner zog am weltgrößten Standort von Bosch, in Feuerbach bei Stuttgart ein.

Großrechner? Das war er im wahrsten Sinne. Der Begriff entstand buchstäblich durch die enormen Dimensionen, die zur Verarbeitung der Informationen nötig waren, für uns heute kaum vorstellbar. Er verschlang eine Fläche, auf der in einem Großraumbüro heute mindestens 20 Menschen Platz finden können.

Montage Bosch IBM Großrechenanlage Typ 370/165 1971
Montage Bosch IBM Großrechenanlage Typ 370/165 am Standort Feuerbach/Deutschland, 1971

Der "IBM Series 370 / Model 165" war der ganze Stolz der jungen Gemeinde von IT-Spezialisten bei Bosch. Er diente zur Auftragsbearbeitung und zur Zentrallager-Steuerung. Für den IMB 370 ein Klacks. Gerade einmal ein Viertel seiner Speicherkapazität von rund einem Megabyte benötigte er dazu. Daher konnte er auch für Aufgaben wie etwa die Lohn- und Gehaltsabwicklung an weiteren vier Standorten eingesetzt werden. Einen Großteil seines Speichers beanspruchte allerdings das Betriebssystem für sich allein: rund 600 Kilobyte. Heute im Zeitalter der Terabytes eine Fußnote, damals an der Spitze des technologisch in Serie Machbaren.

Steuerung Bosch IBM Großrechenanlage Typ 370/165
Steuerung Bosch IBM Großrechenanlage Typ 370/165 am Standort Feuerbach/Deutschland, 1971

Überhaupt ist dieser Großrechner noch vielmehr eine Maschine, als es Rechner heute sind. Sein Generator, der für den Notstrombetrieb eines kleinen Krankenhauses reichen würde; der Kreislauf von 150 Litern Wasser, das durch zwei Pumpen in Gang gehalten wurde; und schließlich die stolze Zahl von 120 Mitarbeitern, die für das Wohlbefinden des 370 sorgten: Die Arbeiter im Materiallager, die Spezialisten im Schneideraum für die Bearbeitung der Listen auf Endlospapier, oder die Operatoren im Rechenraum und die Arbeitskräfte, die für den Austausch der Magnet-Speicherbänder oder der Speicher-Lochkarten sorgten.

Magnetbandaufzeichnung und Druckerraum Bosch IBM Großrechenanlage Typ 370/165
Magnetbandaufzeichnung und Druckerraum Bosch IBM Großrechenanlage Typ 370/165 am Standort Feuerbach/Deutschland, 1971

Wie in den 1960er und 1970er oft praktiziert, war dieser Rechner nicht gekauft, sondern gemietet. Inbegriffen im Mietpreis waren Wartung und Pflege – am Montag von 6 bis 13 Uhr war daher eine Zwangspause für das damalige Spitzenaggregat verordnet. In der übrigen Zeit nutzten Techniker und Sachbearbeiter den Rechner so intensiv wie möglich. Er lief in einem ununterbrochenen Dreischichtbetrieb von Montag bis Samstag.

Dietrich Kuhlgatz

Seit 1998 arbeite ich bei Bosch. Als Fachreferent und Pressesprecher bin ich zuständig für alle Anfragen zur Bosch-Produktgeschichte weltweit und pflege Kontakte zu Technik- und Verkehrsmuseen.
Bevor ich zu Bosch kam, habe ich Geschichte und Philosophie in Konstanz und Hamburg studiert. Danach war ich zunächst Zeitschriftenredakteur und danach wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Technikmuseum Berlin.

Aufnahme Dietrich Kuhlgatz

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