Erstes Kraftfahrzeug mit Bosch-Technik
Erstes Kraftfahrzeug mit Bosch-Technik

Erstes Fahrzeug mit Bosch-Technik nachgebaut: Ein Zeitzeuge berichtet

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Alfred Raiser, Vollbluttechniker und Prozessbegleiter bei Bosch, regte während seiner Zeit als Ausbildungsleiter den Nachbau des ersten Kraftffahrzeugs mit Bosch-Zündung, des Dion-Bouton-Dreirads von 1897 an und begleitete ihn . Er ist, kaum ein Jahr nach seinem Eintritt in den Ruhestand, am 5. Juli dieses Jahres verstorben.

Herr Raiser, Sie haben 1997 gemeinsam mit den beteiligten Lehrlingen und Ausbildern der Bosch-Standorte Schwieberdingen, Reutlingen und Bühl den Nachbau des historischen De Dion-Bouton-Dreirads der Geschäftsführung vorgestellt. Wie ist dieses Projekt entstanden?

Im Grunde hat das Projekt dieses Motordreirades eine Vorgeschichte. Die Ausbildungsabteilung forderte, dass in Schwieberdingen, wo ich zu dieser Zeit Ausbildungsleiter war, ein neues Ausbildungssystem entwickelt werden sollte. Um dafür eine fundierte Grundlage zu haben, absolvierte ich ein Studium zur Erwachsenenbildung und zusätzlich eine Ausbildung zu Organisationsentwicklung und Coaching. Das neue System, das wir entwickelten, wurde damals auf alle Ausbildungsabteilungen in Deutschland ausgerollt.

„Die Meister antworteten auf Fragen mit Gegenfragen und brachten die Lehrlinge damit zum Nachdenken.“

Was war das Neue an diesem System?

In der Ausbildung muss man neben den fachlichen auch die persönlichen Qualitäten fördern. Die Meister gingen nun bei der Vermittlung von Wissen an ihre Lehrlinge anders vor – sie antworteten auf Fragen mit Gegenfragen und brachten die Lehrlinge damit zum Nachdenken. Die Lehrlinge sollten herausfinden, ob ein System hinter den Dingen steckt. Die Meister arbeiteten eng mit den Berufsschulen zusammen. Diese waren für den theoretischen Teil verantwortlich, wir für den fachlichen, wobei es regelmäßig in engen Abständen Abstimmungen gab. Die Lehrlinge führten immer qualifiziertere Tätigkeiten aus. Und die Lehrlinge etablierten Unterstützungsgruppen untereinander, in denen die Besseren die Schwächeren unterstützten.

Wann und warum kam die Idee auf, das Dreirad nachzubauen?

Wir hatten die Idee, auf diese Weise den hundertsten Geburtstag der Bosch-Zündung zu feiern, zumal es auch damals ein Lehrling von Robert Bosch war, der die Zündung an einem Motor-Dreirad ausprobierte. Außerdem entstand so ein Kontakt zwischen Ausbildungsabteilungen verschiedener Standorte. Jeder dieser Standorte konnte sein Fachwissen miteinbringen. Die Reutlinger sollten den Rahmen und die Räder bauen, die Schwieberdinger, das kann nicht anders sein, den Motor, und die Bühler, die ja eher elektromotorisch aufgestellt sind, die Zündung.

„Es hat die Lehrlinge begeistert und auch herausgefordert.“

Motor und Magnetzündung eines De Dion-Bouton-Dreirades
Motor und Magnetzündung eines De Dion-Bouton-Dreirades

Ich nehme an, dass Ihnen Originalpläne für das De Dion-Bouton Dreirad vorlagen?

Nein, das war eines der Hauptprobleme. Wir forschten und fanden schließlich ein kleines Technikmuseum in Frankreich, das ein solches Dreirad besaß. Mit einigen Lehrlingen fuhren wir dorthin, haben es fotografiert, vermessen und Skizzen erstellt. Bei den Maßen handelte es sich natürlich nur um Grobmaße, um überhaupt ein Bild zu bekommen. Außerdem trieben wir eine allgemeine technische Beschreibung auf. Dann ging es los: Wir hatten einen kleinen Motor, den wir zum Abformen an eine Berufsschule gaben, die bei der Gießereiausbildung angesiedelt war. Die inneren Teile ebenso wie der Vergaser wurden von den Lehrlingen weitgehend nachgebaut – eine sehr anspruchsvolle Arbeit. Den Kolben bekamen wir von dem befreundeten Unternehmen Mahle – man kennt sich ja. Andere Teile wie Kolbenringe oder Ventile versuchten wir irgendwie aufzutreiben. Auch den Treibstoff konnten wir nicht einfach an der Tankstelle besorgen – die Forschungsabteilung einer Mineralölgesellschaft brachte uns einen großen Kanister aromatenfreies Benzin vorbei. Manches konnten wir jedoch nicht originalgetreu nachbauen. Wir mussten beispielsweise Hochleistungsmagnete verbauen, weil der magnetisierbare Stahl nicht mehr erhältlich ist. Insgesamt war unglaublich viel Lernstoff in dieser Thematik enthalten; es hat die Lehrlinge begeistert und auch herausgefordert.

Zeichnung eines historischen De Dion-Bouton-Dreirads
Zeichnung eines historischen De Dion-Bouton-Dreirads

Dieser Nachbau wurde auf der Schillerhöhe der Geschäftsführung vorgeführt. Lief das Dreirad wirklich problemlos?

Nicht ganz, es war aufregend. Geschäftsführer und der Vorsitzende des Aufsichtsrats hatten sich auf der Schillerhöhe vor dem Hochhaus versammelt und warteten. Das Dreirad stand in einem großen Besprechungsraum. Wegen der hohen Explosionsgefahr durfte es dort nicht betankt stehen. Wir rannten nun von dort mit dem Dreirad hinaus ins Freie, wobei während des Laufens das Benzin hineingekippt wurde, in der Hoffnung, dass dieses rechtzeitig bis nach unten eingelaufen sein würde. Man musste, wenn der Motor lief, aufspringen, weil man das Rad nicht mehr anhalten konnte. Einer der Lehrlinge sprang also auf, ein anderer kurbelte und das Rad lief ziemlich stotternd los. Wir hätten uns einen runden Lauf gewünscht, aber unsere Gäste zeigten Verständnis. Als Herr Scholl, der damalige Vorsitzende der Geschäftsführung, erklärte, dass er dieses Problem noch aus den Anfängen der elektronischen Benzineinspritzung kenne, fiel uns ein Stein vom Herzen.

Dennoch: Nach zwei Jahren schließlich – verschiedene Lehrlingsgruppen hatten daran mitgewirkt – war unser De Dion-Bouton-Dreirad voll funktionsfähig. Und nach Stationen an den Bosch-Standorten Schwieberdingen, Bühl und Reutlingen übergaben wir dieses Unikat dem Bosch-Archiv. Schließlich hatte mit dem Niederspannungs-Magnetzünder für ein De Dion-Bouton-Dreirad die Karriere Robert Boschs als Automobilzulieferer begonnen.

Das Dreirad präsentiert in der Ausstellung zur Bosch-Geschichte
Das Dreirad präsentiert in der Ausstellung zur Bosch-Geschichte

Angelika Merkle

Als Historikerin bin ich Ansprechpartner zu historischen Fragen für die Länder Südosteuropas, die Schweiz, Österreich und Afrika sowie die deutschen Standorte. Zudem biete ich Führungen durch unsere Ausstellung zur Bosch-Geschichte an und schreibe für verschiedene Publikationen.
Nach dem Studium der Germanistik und Geschichte in Marburg und Tübingen und dem Großziehen zweier lebhafter Kinder, hält mich mein Greyhound auf Trab.

Aufnahme Angelika Merkle

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