Über den Atlantik: Ein Bosch Mitarbeiter rudert 5 000 Kilometer
Die Sonne steigt langsam über den Kanaren auf, als Gregor Wacker am 11. Dezember 2024 in einem kleinen Boot sein Ruder in die Hand nimmt. Hinter ihm sitzt seine Begleiterin, eine Kanadierin, die er vor einem Jahr über Social Media und zwei kurze Videoanrufe kennengelernt hatte. Die beiden sind durch Hunderte Stunden gemeinsames Training auf dem Bodensee und dem Mittelmeer zu einem Team zusammengewachsen. Vor den beiden liegt nichts als der Atlantik – 5 000 Kilometer Wasser, sieben Wochen Ungewissheit. „Morgens geht der Wecker und du weißt: Heute passiert es. Heute geht es los“, erinnert sich der Organisationsentwickler im Personalbereich bei Bosch Digital.
Die Entscheidung zu diesem Abenteuer hat eine lange Vorgeschichte. Vor 30 Jahren las Wacker einen Zeitungsartikel über einen Engländer, der den Atlantik im Ruderboot überqueren wollte. „Damals habe ich mich gefragt: Wie soll das gehen?“, erzählt er. Die Frage ließ ihn nicht mehr los. 26 Jahre später schrieb er selbst die Atlantiküberquerung auf seine Liste der Lebensträume – und machte sie 2024 zur Realität.
Mit den Wellen gehen
Was ihn erwartete, war eine der härtesten Herausforderungen, die man sich vorstellen kann. Alle zwei Stunden wechselten sich Wacker und seine Partnerin ab: Eine Person ruderte, die andere zog sich in eine der beiden winzigen Kabinen zurück, um etwas Schlaf zu finden. Zwischendurch bereiteten sie aus dem Proviant schnelle Mahlzeiten zu, hielten das Boot instand und befreiten die Solarzellen von Salz. Außerdem warteten sie die Wasserentsalzungsanlage, prüften Navigationsdaten und hielten Kontakt zur Meeresrettung. „Der Ozean ist unberechenbar“, sagt Wacker heute. „Du musst dich auf alles vorbereiten, am Ende weißt du nie, was kommt.“
Gleich zu Beginn wurde der damals 53-Jährige auf die Probe gestellt. Ein Sturm zog auf, die Wellen waren bis zu zehn Meter hoch. Zwei Tage lang war er seekrank, doch selbst dann blieb keine Wahl: Er musste rudern, seine Schichten liefen weiter. Einmal kenterte das Boot. „Für einen kurzen Moment bist du unter Wasser, alles dreht sich, und du weißt: Wenn du die Nerven verlierst, verlierst du das Boot. Zum Glück war nichts passiert, aber ich musste Teile reparieren“, erinnert er sich.
Neben diesen Extremen erlebte Wacker viele schöne Momente, an die er bis heute zurückdenkt. Delfine begleiteten das Boot, fliegende Fische landeten an Deck, Wale und Schildkröten tauchten neben ihnen auf. Die Nächte, die er allein am Ruder verbrachte, waren für ihn der Höhepunkt des Abenteuers: „Ich habe noch nie so viele Sterne gesehen. Über mir nur der Himmel, keine einzige Lichtquelle. Das war magisch.“
Gezeichnet:
der Organisationsentwickler vor und nach dem Abenteuer seines Lebens
Die Reise brachte eine ungewöhnliche Nähe mit sich. Auf dem Boot gab es keine Toilette, nur einen Eimer, Intimität war unausweichlich. „Das hat uns zusammengeschweißt. Meine Partnerin war offen und unkompliziert, wir hatten nie Streit. Wir hatten dasselbe Mindset: Wir schaffen das.“ Diese Überzeugung trug sie durch Stürme und Wellen. Beide verbindet auch ihr Engagement für den sozialen Zweck. Sie informierten im Internet und auf sozialen Medien über ihre Reise und sammelten dabei rund 10 000 Euro Spenden für Wohltätigkeitsorganisationen in Kanada, Schottland und Deutschland – ein Zeichen dafür, dass sich Mut und Durchhaltevermögen nicht nur für einen selbst, sondern auch für andere lohnen.
Die Kraft der Gedanken
Wacker kannte Extremsituationen schon vor diesem Abenteuer. Als ehemaliger Militärtaucher waren Herausforderungen für ihn nichts Neues. Oft sprang er aus Flugzeugen, absolvierte Ironmans und Marathons – und ist seit vielen Jahren leidenschaftlicher Sportler. Und doch, sagt er, war diese Reise besonders. „Das war das epische Abenteuer, das ich immer erleben wollte. Ich bekomme noch heute Gänsehaut.“ Besonders beeindruckte ihn die Kraft der Gedanken und der Einstellung: „Ich kann das Wetter nicht ändern. Aber ich kann passende Kleidung wählen, Gegenstände auf dem Boot sichern, die Navigation verbessern. Das ist eine mentale Sache: Ruhe bewahren und mich auf das konzentrieren, was ich kontrollieren kann.“
Diese Haltung hat viel mit seiner Arbeit bei Bosch Digital zu tun. Projekte, sagt er, funktionieren ähnlich wie eine Atlantiküberquerung. Es brauche Vorbereitung, Planung, ein Team, das kritisch hinterfragt und Risiken aufzeigt. „Vorbereitung ist der Schlüssel. In Extremsituationen zeigt sich, wie gut du dich vorbereitet hast.“ Zweifel hatten die beiden Abenteurer nie. Schon mitten auf dem Ozean sprachen sie darüber, wie es sein würde, in Antigua anzukommen. „Ich habe mir vorgestellt, wie wir in den Hafen fahren, wie wir unsere Zielfackeln entfachen, die wir genau für diesen Moment eingepackt haben. Dieses Bild hat mich getragen.“ Nach 49 Tagen legten sie auf der Karibikinsel an. Erschöpft, aber voller Glück. „Ich war einfach nur dankbar. Und stolz. Das war das größte Abenteuer meines Lebens.“
Träume nicht aufschieben
Zurück in Deutschland denkt Wacker oft an die Reise. Sie hat ihn verändert. Er weiß, wie wichtig es ist, sich an ständig wechselnde Bedingungen anzupassen und Ruhe zu bewahren, wenn alles gleichzeitig drängt. Vor allem aber hat er gelernt, dass man Dinge, die man wirklich will, nicht aufschieben darf. „Man sollte Träume nicht vertagen. Einfach machen – das bereut man nie.“
