Auto mit Bosch Scheibenwischern
Geschichte

Für klare Sicht bei Regenwetter: Bosch-Scheibenwischer

7 Minuten

Autofahrten bei Nässe, Dunkelheit, Nebel oder Frost – was heute nicht der Rede wert ist, war in den Anfangstagen des Automobils eine echte Herausforderung. So verhalfen viele „erleichternde“ Erfindungen der 1910er und 1920er Jahre dem neuen Verkehrsmittel zum Durchbruch. Nach elektrischer Beleuchtung, Anlasser und Hupe leistete ab 1926 auch der Bosch-Scheibenwischer seinen Beitrag zum sicheren und komfortablen Fahren

Werbung für den ersten Bosch-Scheibenwischer, 1926
Werbung für den ersten Bosch-Scheibenwischer, 1926

Die erste funktionstüchtige Scheibenwischanlage wurde 1903 in den USA patentiert. Erfinderin war Mary Anderson aus Alabama, die bei einem Besuch im winterlichen New York die Bemühungen eines Straßenbahnfahrers beobachtete, bei Eisregen klare Sicht zu behalten. Sie skizzierte daraufhin ein Gerät, das aus einem Hebel und einem schwingenden Arm mit Gummilippe bestand. Der Hebel konnte aus dem Fahrzeuginneren heraus bedient werden und ließ den Arm über die Scheibe hin- und her wischen.

Neben handbetriebenen Vorrichtungen gab es in den folgenden Jahren auch Scheibenwischer, die durch Unterdruck über den Vergaser angetrieben wurden. Je nach Drehzahl des Motors wischten die Unterdruck-Modelle langsam oder schnell, bei Höchstgeschwindigkeit unglücklicherweise dann sehr langsam oder gar nicht mehr.

Der Bosch-Scheibenwischer

Der Bosch-Scheibenwischer, 1926

Zuverlässige Sicht

Das 1926 vorgestellte neue Produkt aus dem Hause Bosch setzte den Widrigkeiten von Wetter und technischen Unzulänglichkeiten ein Ende. Es wurde von einem kleinen Elektromotor über die Autobatterie angetrieben und war damit unabhängig vom Motorlauf. Sein Stromverbrauch war aufs äußerste beschränkt worden, so dass auch langen Regenfahrten nichts im Wege stand. Für eine noch bessere Sicht ließ sich ein zweiter Wischhebel anbringen und damit auch die Beifahrerseite frei von Regen und Schnee halten.

Schnell wurde der elektrische Scheibenwischer zum Standard. Parallel zur kontinuierlich steigenden Zahl an Fahrzeugen wuchs auch die Nachfrage nach Wischermotoren und Wischblättern. Nachdem in den 1960er Jahren die Wischerfertigung am Standort Bühlertal ausgebaut worden war, setzte ein großer Schub an Neuerungen ein. Den Anfang hatten bereits 1959 der „Scheibenspüler“, eine Scheibenwaschanlage, und der Scheibenwischer mit Überdeckung gemacht. Um die Panoramascheiben der 1960er Jahre sorgfältig wischen zu können, arbeiteten die Wischerblätter der neuen Anlagen mit „Überdeckung“: der ungewischte Keil auf der Scheibenmitte rutschte dabei weit nach oben und vergrößerte das freie Sichtfeld. Damit sich die beiden Wischerarme nicht in die Quere kamen, wurden sie abwechselnd beschleunigt.

Innovationen für beste Wischqualität

Vergleichstest mit herkömmlichem (rechts) und „Twin“-Wischblatt (links), 1994
Vergleichstest mit herkömmlichem (rechts) und „Twin“-Wischblatt (links), 1994

Intervallschalter, Heckscheibenwischer, Regensensor und zahlreiche Weiterentwicklungen der Wischblätter folgten. Im „Twin“-Wischblatt wurden 1994 erstmals zwei unterschiedliche Gummisorten thermisch miteinander verbunden. Eine Wischlippe aus hartem Naturgummi leistete dauerhaft gute Wischarbeit. Der weiche Wischgummirücken aus Synthetik-Kautschuk erwies sich als besonders resistent gegen die Temperaturschwankungen von Sommer und Winter und sorgte für einen ruhigen Lauf. Die nächste Generation mit dem 1999 vorgestellten „Aerotwin“-Wischblatt kam erstmals ohne mehrteilige Gelenke aus. Der Wischgummi wird nur durch zwei vorgebogene Federschienen an die Scheibe gepresst und erfährt damit eine gleichmäßigere Verteilung des Anpressdrucks. Das Ergebnis ist eine deutlich verbesserte Wischqualität, der flachere Aufbau reduziert Windgeräusche und vergrößert das Sichtfeld.

Startschuss in Belgien

Vor 50 Jahren, im Herbst 1970, fiel der Startschuss zur Gründung einer der weltweit größten Produktionsstätten für Scheibenwischersysteme. Bosch und die belgische Stadt Tienen verständigten sich über die Errichtung eines Unternehmens zur Herstellung von elektrischer und elektronischer Kraftfahrzeugausrüstung. Nach dem Baubeginn im Sommer 1973 konnte bereits im April 1974 mit der Produktion von Wischblättern begonnen werden.

In den folgenden Jahren wurde der Standort gezielt zum Entwicklungs- und Produktionszentrum für Wischblätter und Wischarme ausgebaut. Die Herstellung verschiedener Gummiarten gehört heute ebenso zu Tienen wie hochpräzise Stanzprozesse für Metallteile, Lackierung und Oberflächenbehandlung, modernste Montageanlagen und natürlich Forschungs- und Entwicklungsarbeit für neue und verbesserte Produkte.

Nach der Gründung wurde der neuen Fertigungsstandort in Tienen rasch ausgebaut.
Nach der Gründung wurde der neuen Fertigungsstandort in Tienen rasch ausgebaut.
Unübersehbar in Tienen: der traditionelle Wischer mit Gelenken und der gelenklose Flachbalkenwischer Aerotwin.
Unübersehbar in Tienen: der traditionelle Wischer mit Gelenken und der gelenklose Flachbalkenwischer Aerotwin.
Industrie 4.0: Blick in die Aerotwin-Abteilung in Tienen
Industrie 4.0: Blick in die Aerotwin-Abteilung in Tienen

Bettina Simon

Seit 2006 arbeite ich in der Historischen Kommunikation bei Bosch, zunächst im Bereich der Schriftgutarchivierung, mittlerweile bin ich für die Technikgeschichte zuständig und kümmere mich um die Produktsammlung. Anfragen zu Bosch in Osteuropa gehören zu meinen Aufgaben, außerdem betreue ich Ausstellungsprojekte in verschiedensten Museen.
Bei gutem Wetter drehe ich gerne eine Runde mit meinem Fiat 500 (Baujahr 1970).

Aufnahme von Bettina Simon

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