Weniger Verbrauch, mehr Leistung
Erste Bosch Benzineinspritzung für Personenwagen
1951 brachte Bosch erstmals ein Benzineinspritzsystem für Automotoren auf dem Markt. Was zunächst eine Nischenlösung für Kleinwagen war, entwickelte sich zu einem Geschäftsfeld, das die Automobiltechniksparte von Bosch auf Jahrzehnte prägte.
Neues aus der Hauspost
Es war ein unauffälliger Briefumschlag, der im Herbst 1951 im Postfach der Fertigungsleitung am Standort Feuerbach lag. Aber er hatte es in sich: die Fertigungsfreigabe für ein neues Produkt mit der Typformel PFM2. Hinter dem Kürzel verbarg sich eine Einspritzpumpe für Kleinwagen mit Zweitaktmotor. Diese preiswerten und einfach konstruierten Motoren waren in der frühen Nachkriegszeit sehr populär, doch sie hatten einen überaus großen Benzindurst. Und den wollte Bosch ihnen mit der Einspritzung abgewöhnen, die den traditionellen Vergaser ersetzte.
Erste Kunden
Der erste Kunde war der Autohersteller Gutbrod, dessen Modell Superior zum Konkurrenten des VW Käfer aufgebaut werden sollte. Es war allerdings etwas kleiner, nur für zwei Personen ausgelegt und mit einem großzügigen Rolldach ausgestattet. Wenig später kam ein zweiter Kunde hinzu, der Personen- und Lastwagenhersteller Goliath, der seine Zweittakt-Kleintransporter ebenfalls mit der Einspritzung ausrüstete. Die Fahrzeuge wurden damit sparsamer und leistungsfähiger.
Vom Öler zur Einspritzung: Ein langer Weg
Der Erfolg basierte auf jahrzehntelanger Erfahrung. Schon seit 1909 sammelte Bosch Know-how mit Schmierpumpen und perfektionierte ab 1927 mit der Dieseleinspritzung die Kunst, Flüssigkeiten präzise unter hohem Druck zu fördern. Diese Technologie wurde ab 1930 bei Bosch für Benzineinspritzpumpen in Flugmotoren weiterentwickelt, um ein gravierendes Sicherheitsproblem zu lösen: Bei Vergasermotoren konnten abrupte Flugmanöver oder große Flughöhen zu Motoraussetzern und Vereisung führen – ein hohes Absturzrisiko. Die Direkteinspritzung von Bosch beseitigte diese Gefahren und ermöglichte zudem eine erhebliche Leistungssteigerung der Motoren.
Benzineinspritzung im politischen Kontext
Weil dieses Projekt aber nicht ohne Partner aus der Flugzeugforschung und -industrie machbar war, arbeitete Bosch ab 1930 eng mit der 1912 gegründeten Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) und den Flugzeugmotorenherstellern Daimler-Benz, Junkers und BMW zusammen. Die Machtergreifung Adolf Hitlers im Jahr 1933 rückte die Flugmotoreneinspritzung in den Fokus der Machthaber. Für die Luftwaffe war die Technologie interessant, weil sie Flugzeuge hinsichtlich Leistung und Manövrierfähigkeit den Flugzeugen möglicher Kriegsgegner überlegen machte. In der Folge rüstete das Unternehmen Flugmotoren für Militärflugzeuge mit der Technologie aus.
Neustart nach 1945
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs untersagten die Alliierten deutschen Unternehmen Flugzeuge und Flugzeugtechnik zu fertigen. Doch das technische Know-how zur Einspritztechnik ließ sich mit der beginnenden Massenmotorisierung in Europa in Serie bringen. Mit dem direkten Einspritzen in den Zylinder gab es keinen Zweitakt-typischen Kraftstoffverlust mehr, und der Motor konnte mit höherer Verdichtung arbeiten. Das hieß gut 10 Prozent mehr Leistung bei rund 20 Prozent weniger Verbrauch. Außerdem konnte mit der Einspritzung die Gemischaufbereitung sich wesentlich besser an den Betriebszustand des Motors anpassen. Das bedeutete gleichmäßigeren Lauf und ruckfreies Fahren bei kaltem wie warmen Motor und in allen Last- und Drehzahlbereichen.
Türöffner zum großen Erfolg
Die kleine Zweizylinder-Einspritzpumpe konnte aber nur eine Nische bedienen. Das Ziel war es, mit der Einspritzung die traditionelle Vergasertechnik abzulösen und damit ein großes, zukunftsträchtiges Geschäftsfeld bei Bosch zu schaffen. 1954 wurde die Technik erstmals bei einem hoch motorisierten Fahrzeug der Öffentlichkeit präsentiert, dem Mercedes-Benz 300 SL Flügeltürer.
Der neu konstruierte Motor erreichte dank der Bosch-Technik eine maximale Leistung von 215 PS, was dem ungewöhnlichen Sportwagen zu einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 235 Stundenkilometern verhalf. Die damaligen durchschnittlichen Fahrzeugleistungen lagen bei weniger als 50 PS und Höchstgeschwindigkeiten wenig über 100 Stundenkilometern.
Auch wenn sich dieses Auto zunächst nur in kleinen Stückzahlen verkaufte, war die Durchdringung des Marktes hin zu kleineren Massenmodellen nur eine Frage der Zeit.
Neue Wege elektronisch und digital
Bosch beschleunigte diesen technologischen Paradigmenwechsel in den kommenden Jahrzehnten mit bahnbrechenden Innovationen: Die D-Jetronic, die erste erfolgreiche elektronische Benzineinspritzung in Großserie, folgte im Spätsommer 1967. Zwölf Jahre später, im Mai 1979, führte Bosch mit der digitalen Motorsteuerung Motronic als erstes Unternehmen mit Mikroprozessor und löschbarem Speicher einen Computer in einer fahrrelevanten Funktion ein. Die Benzineinspritzung bei Bosch hat eine Geschichte, die viel weiter zurück reicht als 1951. Sie hat Standards gesetzt hat, die bis die Gegenwart reichen.
Autor: Dietrich Kuhlgatz



