Dr. Volkmar Denner im Vordergrund und eine Weltkugel im Hintergrund.
Denner’s view

Warum nicht jetzt, warum nicht wir?

Leitfragen zum Klimaschutz, die jedes einzelne Unternehmen beantworten muss.

8 Minuten

09.05.2019

Schon 2020 wird Bosch mit seinen 400 Standorten weltweit CO₂-neutral. Wir dürfen den Klimaschutz nicht nur ernst nehmen, wir müssen ernst machen.

von Dr. Volkmar Denner

Noch immer scheint es, als sei der Klimaschutz eine Kette von Herausforderungen und Enttäuschungen. Zwar ist er das alles beherrschende Thema globaler Verantwortung: Es gibt Weltklimakonferenzen, es gibt Schülerdemonstrationen, und längst fordern die Vereinten Nationen in ihren Zielen für nachhaltige Entwicklung „urgent action“. Aber das führt vor allem den steigenden Handlungsdruck vor Augen, mit dem das Handeln nicht Schritt hält. Das Ergebnis ist Enttäuschung, denn in der Zwischenzeit steigen die Kohlendioxidemissionen weltweit auf neue Rekordhöhen, wie es die Internationale Energie-Agentur gerade für 2018 gemeldet hat.

Und wir erleben die globale Versuchung, Verantwortung wegzuschieben – sei es in die Zukunft, da es doch um Fernziele geht, sei es auf andere Länder oder Branchen, die tatsächlich oder angeblich mehr CO₂ ausstoßen. Wer aber den Klimaschutz nicht bloß ernst nehmen, wer mit ihm ernst machen will, muss drei Leitfragen beantworten: Warum nicht jetzt, warum nicht hier, warum nicht wir selbst?

„Wir erleben die globale Versuchung, Verantwortung für den Klimaschutz wegzuschieben. Wir müssen sie hier und jetzt übernehmen.“

Volkmar Denner, CEO Bosch

In gut einem Jahr zur CO₂-Neutralität

Bosch Signet für CO₂-Neutralität

Genau dies erfordern die Ziele des Klimaschutz-Abkommens von Paris: den Temperaturanstieg der Erdatmosphäre bis 2100 auf maximal zwei Grad, möglichst auf 1,5 Grad gegenüber dem Beginn der Industrialisierung zu begrenzen. Noch dringlicher fordert der jüngste Sonderbericht des Weltklimarats IPCC zum Handeln auf. Danach ist das 1,5-Grad-Ziel nur noch realistisch, wenn der weltweite Energieverbrauch bis zur Jahrhundertmitte CO₂-neutral wird. Eben diese CO₂-Neutralität will ein Unternehmen wie Bosch nicht erst 2050 erreichen, auch nicht 2030, sondern schon 2020. Tatsächlich ist Bosch das erste große Industrieunternehmen, das dieses Ziel in nur gut einem Jahr realisiert.

Die beiden Hebel, die schon bis 2020 wirken

Eine Windfarm in einer weiten Landschaft.

Wie aber ist das möglich? Immerhin geht es um den Energieverbrauch von gut 400 Standorten in aller Welt – rund 7,8 Terawattstunden im Jahr 2018, das entspricht dem jährlichen Stromverbrauch der privaten Haushalte von Berlin und München zusammen. Unmöglich ist es, diesen Verbrauch sofort und radikal zu kürzen. Aber es ist möglich, die entsprechenden Kohlendioxidemissionen komplett zu neutralisieren – rund 3,3 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr. Vor allem über zwei Hebel lässt sich das kurzfristig erreichen: Erstens deutlich mehr Ökostrom aus bestehenden Wind- und Solaranlagen zukaufen, als er ohnehin im weltweiten Energiemix enthalten ist. Zweitens in zertifizierte Umweltprojekte investieren, um Kohlendioxid-Ausstoß im selben Maß zu kompensieren, wie er vorerst zum Beispiel in einer Gießerei noch unvermeidlich ist. Das sind die beiden größten Hebel, um den CO₂-Fußabdruck eines großen Unternehmens schon im nächsten Jahr auf Null zu bringen.

„Ohne Energieeffizienz ist alles nichts. Aber nur mit harter Detailarbeit sparen wir Energie.“

Volkmar Denner, CEO Bosch

Und bis 2030 werden zwei weitere Hebel bewegt

Mitarbeiter des Bosch-Werkes im indischen Nashik stehen vor einer Photovoltaikanlage auf dem Dach und winken.

Doch ein Unternehmen wie Bosch darf dabei nicht stehen bleiben. Das große Ziel Klimaneutralität 2020 zu erreichen – das ist das eine. Das andere sind die Anstrengungen für die Energiewende – genau damit lässt sich bis 2030 die ökologische Qualität der CO₂-Neutralstellung noch steigern. Dazu können wiederum zwei große Hebel bewegt werden: Erstens gilt es den Anteil regenerativer Energien am Verbrauch deutlich zu erhöhen. Das setzt nicht nur den massiven Ausbau von Photovoltaik-Anlagen in den eigenen Werken voraus, vielmehr auch langfristige und exklusive Lieferverträge mit neuen Wind- und Solarparks. Ohne Energieeffizienz jedoch ist alles nichts – genau das ist der zweite Hebel, der kontinuierlich auch in den nächsten Jahren bewegt werden muss. Bewegen aber lässt er sich nur mit harter Detailarbeit. Gleichwohl hat sich Bosch auch dafür ein großes Ziel gesetzt: bis 2030 1,7 Terawattstunden einzusparen, mehr als ein Fünftel des derzeitigen Jahresverbrauchs, soviel wie der jährliche Stromverbrauch der privaten Haushalte in Köln.

2 Milliarden Euro

investiert Bosch bis 2030 in das Projekt der CO₂-Neutralstellung, davon fließt die Hälfte übers Energiesparen zurück.

Energieeffizienz ist Motor von Innovationen

Zwei Bosch-Mitarbeiter analysieren die Energieeffizienz ihres Werkes an einem Bildschirm.

Ob technisch oder ökonomisch betrachtet, Energieeffizienz ist unter den vier Hebeln der CO₂-Neutralstellung der wichtigste. Zum einen, weil sie Motor von Innovationen und damit auch von Wachstum ist. Beispiel vernetzte Produktion: Bereits in 30 Bosch-Werken rund um den Globus steuert und verringert eine Energy-Plattform übers Internet der Dinge den Stromverbrauch der Maschinen. Dies hat sich intern als so erfolgreich erwiesen, dass die Plattform auch extern vermarktet wird. Zum anderen rechnen sich in der Energieeffizienz Aufwand und Ertrag. Insgesamt investiert Bosch bis 2030 zwei Milliarden Euro in das Projekt der CO₂-Neutralstellung. Davon fließt die Hälfte in die Steigerung der Energieeffizienz. Und genau diese Hälfte bekommt Bosch zurück, da sich die Energiekosten im selben Maß verringern. Unterm Strich bleiben also Mehrkosten bis 2030 von einer Milliarde Euro.

Klimaschutz ist kein Abschied vom Wachstum

Unternehmen müssen ihre Zukunfts- und Ertragsorientierung neu definieren. Wenn sie bisher auf Ertrag verzichtet haben, dann um Vorleistungen für Forschung und Entwicklung zu erbringen, also fürs Geschäft von morgen. Es ist an der Zeit, auch in die Zukunft des blauen Planeten zu investieren – und damit letztlich in die eigene Zukunft. Dies bedeutet nicht etwa den Abschied von Wirtschaftlichkeit und Wachstum. Das Beispiel Bosch zeigt: Unternehmen können auch den Klimaschutz unternehmen!

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