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Geschichte

Die sägende Nähmaschine

Scintillas Stichsäge beißt sich durch

Sw-Foto zeigt die erste Stichsäge. Auf dem Gerät befindet sich oben ein Blechschild mit dem Firmennamen Scintilla

Die weltweit erste Stichsäge wurde bei der späteren Bosch-Tochtergesellschaft Scintilla AG in der Schweiz entwickelt. Eine Drehbank stand dabei im Mittelpunkt der Entwicklung und eigentlich war ein ganz anderes Gerät als Zubehör geplant. Auf dem Weg zum Erfolg entwickelte die Stichsäge sich zum unentbehrlichen Werkzeug - nicht nur für Profis, auch für Heimwerker.

Ein mildes Licht schimmert im abendlichen Wohnzimmer. Das gleichmäßige Rattern der Nähmaschine erfüllt den Raum. In diesen schwierigen Kriegszeiten wird viel selbst genäht und repariert. Albert Kaufmann, Mitarbeiter der späteren Bosch-Tochter Scintilla, schaut entspannt seiner Frau beim Nähen an der Nähmaschine zu. Auf und ab fliegt die Nähnadel und senkt sich in den weichen Stoff. Plötzlich sieht Albert Kaufmann die Lösung seines Problems vor sich. Das Prinzip war so einfach wie die Idee genial. Was war geschehen?

Von der Kaffeemühle zur Stichsäge

Noch vor Ende des Zweiten Weltkrieges war deutlich geworden, dass die Scintilla AG in Zuchwil neue Geschäftsfelder finden musste. Der Sektor für Automobilausrüstung war weitgehend weggebrochen, andere Länder hatten eine eigene Produktion dafür aufgebaut. Das Unternehmen passte sich den veränderten Markterfordernissen an und konzentrierte sich fortan darauf, Haushaltsgeräte und Handwerkzeuge zu entwickeln und herzustellen. Dabei wurde die neu entwickelte Universalkleindrehbank nicht nur zum ersten großen Verkaufsschlager, sondern auch zum Ausgangspunkt für die Entwicklung der Stichsäge.

Die neue Drehbank erhielt einen eigens für sie konstruierten Kleinmotor, der die verschiedensten Kleingeräte, vom Staubsauer bis hin zur Kaffeemühle antrieb. Nun sollte als weiteres Zubehör eine Dekupiersäge, vereinfacht gesagt eine Art „Tischlaubsäge“ entwickelt werden. Dabei sollte das Werkzeug auf der Tischplatte bleiben, aber von Hand geführt werden. Schon einige Zeit hatten die Konstrukteure bei Scintilla daran herumgetüftelt, als Albert Kaufmann auf den Einfall kam, das Prinzip der Nähmaschine zu verwenden und statt der Nadel ein Sägeblatt zu befestigen. Das Sägeblatt wurde, nicht wie bisher bei Sägen üblich, an beiden Enden fixiert, sondern nur an einem Ende in der Maschine „fliegend“ eingesetzt: Die elektrische Stichsäge war erfunden und eine neue Erfolgsgeschichte begann.

Foto sw von Albert Kaufmann. Er sitzt am Tisch und hält ein Blatt Papier in der Hand.
Albert Kaufmann, der Erfinder der Stichsäge
Ausschnitt aus der Patenterteilung für die Stichsäge
Patenterteilung 1947 beim Eidgenössischen Amt für Geistiges Eigentum in Bern
Konstruktions- und Querschnittzeichnung einer Stichsäge
Konstruktionszeichnung einer Stichsäge
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Erster Auftritt: Das Wunderwerkzeug

Als „Wunderwerkzeug“ wurde das neuartige Gerät beworben, das bis 1946 vorerst nur in Kleinserie gefertigt wurde. Als 1947 die Fertigung in größeren Stückzahlen anlief, hatte sich die erste elektrische Handsäge im Jahr zuvor unter dem Namen „Lesto“ auf der Basler Mustermesse vorgestellt und dort gezeigt, was sie konnte:

Die „Lesto-Stichsäge“ sägte präzise auch an schwer zu erreichenden Stellen und war vor allem geeignet für Werkstücke aus empfindlichen Materialien wie Karton, feinem Holz, dünnem Metall oder Kunststoffen. Eine Vorbohrung oder ein seitlicher Schnitt waren dabei – im Gegensatz etwa zu anderen Sägen – nicht mehr nötig. Zudem entfernte ein Gebläse beim Sägen automatisch die Sägespäne, so dass die Schnittlinie frei vor dem Sägeblatt lag. Wegen ihrer starken Sägeleistung, ihrer hohen Präzision und nicht zuletzt der handlichen Form empfahl sich die elektrische Stichsäge besonders für Berufsgruppen wie Dekorateure, Handwerker und Künstler. Zeit und viel Mühe beim Arbeiten sparte diese präzise Hochleistungsmaschine ein – und amortisierte sich so trotz des für damalige Verhältnisse nicht unerheblichen Preises.

Ihren durchschlagenden Erfolg ab den 1950er Jahren aber verdankte die Stichsäge besonders der rasant gewachsenen Schar von Heimwerkern. Für sie wurde die Vorsatzstichsäge in das Bosch-Heimwerker-Combi-Programm aufgenommen: Ein System, das es ermöglichte, auf ein Basisgerät verschiedenste Zu- und Aufsätze mit unterschiedlichsten Funktionen zu stecken.

Nach mehreren Jahren allerdings zwang ein Konkurrenzprodukt, das dem Sägeblatt eine seitliche Pendelbewegung ermöglichte, zur Weiterentwicklung. Wieder war es Albert Kaufmann, der die Lösung fand: 1966 betrat die weltweite erste Universal-Stichsäge mit verstellbarer Pendelbewegung den Markt. Bei dem neuen Modell konnte die seitliche Pendelbewegung des Sägeblatts an- und ausgeschaltet werden – je nach Einsatzzweck. Zudem ließ sich die Geschwindigkeit des Sägeblattes variieren. Im selben Jahr beschloss die Stuttgarter Bosch-Geschäftsführung, Elektrohandwerkzeuge und Sägeblätter einheitlich unter dem Namen „Bosch“ zu vermarkten. Damit verbunden war der Vertrieb über das Bosch-Vertriebsnetz – der Absatz nahm damit deutlich zu.

Nähmaschine mit eingespanntem Sägeblatt sägt eine Blume aus Holzplatte aus
Rundherum rund gelingt die Sägearbeit

Sicher, sauber, sparsam

Sehnsüchtig schauten Heimwerker auf die breite Palette der unterschiedlichen Modelle bei professionellen Stichsägen. Für Heimwerkerarbeiten brachten die blauen Profigeräte mehr Leistung als benötigt mit, belasteten aber daher auch stärker das Budget und waren für Nicht-Profis etwas unbequem zu handhaben. Ab 1968 wurde Abhilfe geschaffen: Nun wurde der Vorsatzstichsäge im grünen Heimwerkerprogramm die Combi-Stichsäge „P 10 Perfekt“ an die Seite gestellt. Sie war ideal zum Sägen von Holz, Metall und Kunststoffen, war vollisoliert und konnte mit 310 Watt Leistung aufwarten. Durch ihren praktischen Bügelgriff ließ sich mit der „Perfekt“ auch von „Ungeübten“ bequem sägen.

Wenig später nahm Bosch 1970 erstmals eine Stichsäge mit elektronischer Regelung in das Programm von Universal-Elektrowerkzeugen auf. Die neue „Electronic“ fraß sich schnell und präzise selbst durch harte Werkstoffe. Mit ihrem stufenlos regulierbaren und an den Werkstoff angepassten Hub, arbeitete die neue Elektrosäge getreu dem damaligen Bosch-Slogan „sicher, sauber, sparsam“.

Zunehmende Laufruhe, höherer Leistung und Schnitttiefe, Sicherheit und Präzision bewirkten, dass die Arbeit mit der Stichsäge zunehmend schneller und müheloser voranging. Sie selbst aber wurde immer handlicher und kompakter. Ihr Erfolg bewirkte, dass 1984 im Werk in Solothurn (Schweiz) das fünfmillionste Gerät vom Band lief. Wenige Jahre später feierte sie 1989 schon wieder eine Weltpremiere: Die erste Profistichsäge mit werkzeuglosem Sägeblattwechsel eroberte den Markt. Ganz besonderen Erfolg errang die kabellose Akku-Stichsäge. Sie war nicht nur im Profibereich, sondern auch für Heimwerker erhältlich und scharte schnell eine riesige Fangemeinde um sich. Man muss sich fragen: Gibt es eigentlich noch Heimwerker-Haushalte oder Werkstätten ohne?

Handwerker in einer Fabrikhalle sägt mit dem Profi-Gerät eine Holzplatte
Liegt gut in der Hand: die Profi-Stichsäge GST-18 V

Angelika Merkle

Aufnahme Angelika Merkle

Als Historikerin bin ich Ansprechpartner zu historischen Fragen zu den Ländern Südost- und Osteuropas, Schweiz, Österreich und Afrika. Zudem bin ich verantwortlich für die Historiographie der deutschen Standorte.
Außerdem biete ich Führungen durch unsere Ausstellung zur Bosch-Geschichte an und schreibe für verschiedene Publikationen.
Nach dem Studium der Germanistik und Geschichte in Marburg und Tübingen und dem Großziehen zweier lebhafter Kinder, hält mich mein Greyhound auf Trab.

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