„Entscheidend ist, dass Menschen verstehen, was das System tut“
Automatisiertes Fahren zählt zu den zentralen Zukunftstechnologien der Mobilität, auch für Bosch. Dabei kommt es darauf an, wie zuverlässig und verständlich Systeme im Alltag funktionieren. Denn Vertrauen entsteht nur, wenn automatisierte Fahrzeuge intuitiv bedienbar sind und sich nahtlos in den Verkehr einfügen, sagt Verkehrspsychologe Professor Tibor Petzoldt von der Technischen Universität Dresden.
Herr Petzoldt, die Erwartungen an automatisiertes Fahren waren lange sehr hoch. Ist die Diskussion heute realistischer geworden?
Ja, das ist ein typischer Verlauf. Am Anfang stehen große Visionen, dann folgt eine Phase, in der klarer wird, was tatsächlich kurzfristig umsetzbar ist. Das bedeutet aber nicht, dass die Technologie an Relevanz verliert, im Gegenteil. Die Frage verlagert sich: Wo bieten automatisierte Systeme konkret Mehrwert, und wie lassen sie sich zuverlässig in den Alltag integrieren?
Was rückt damit stärker in den Fokus?
Das Zusammenspiel zwischen Mensch und System, und zwar nicht nur im Fahrzeug selbst, sondern im gesamten Verkehr. Automatisierte Fahrzeuge interagieren mit anderen Autos, mit Fußgängern, mit Radfahrern. Ihr Verhalten muss für alle Beteiligten nachvollziehbar bleiben. Verkehr ist ein soziales System. Neben formalen Regeln gibt es Erwartungen und eingespielte Verhaltensweisen. Automatisierte Fahrzeuge werden ja oft bewusst defensiv und regelkonform ausgelegt. Das ist sinnvoll. Zugleich muss ihr Verhalten so gestaltet sein, dass andere es richtig deuten können. Nur so entsteht ein reibungsloses Miteinander.
Welche Erwartungen haben Menschen konkret?
Zunächst Verlässlichkeit und Regeltreue, das ist die Basis für Vertrauen. Interessant ist aber, dass darüberhinausgehendes Verhalten, etwa besonders „entgegenkommendes“, nicht automatisch positiv wirkt. Viele Situationen im Verkehr sind implizit geregelt; weicht ein System davon ab, kann das auch irritieren.
Also lieber berechenbar als „menschlich“?
Genau. Verständlichkeit ist entscheidend. Die Insassen genauso wie alle anderen Verkehrsteilnehmenden müssen einschätzen können, warum ein Fahrzeug sich in einer bestimmten Weise verhält.
Wäre es deshalb sinnvoll, automatisierte Fahrzeuge oder ihren Status sichtbar zu machen?
Ja, insbesondere den aktuellen Modus bei höher automatisierten Fahrzeugen. Wenn ich erkennen kann, dass ein System aktiv ist, hilft mir das, das Verhalten besser zu interpretieren. Wobei man immer beide Seiten betrachten muss. Transparenz hilft, Verhalten besser einzuordnen. Sie kann aber auch dazu führen, dass andere Verkehrsteilnehmer dieses Verhalten gezielt ausnutzen, etwa wenn jemand an einer Engstelle darauf spekuliert, dass das automatisierte Fahrzeug nachgibt und ihn passieren lässt. Entscheidend ist daher, dass Systeme robust und konsistent reagieren, dann überwiegen die Vorteile.
Lassen Sie uns an dieser Stelle kurz nach Übersee schauen: Wie ist die Situation in anderen Ländern?
In den USA zeigt sich, dass automatisierte Fahrzeuge – etwa Robotaxis – in bestimmten Umgebungen bereits gut integriert werden können. Japan wiederum verdeutlicht, wie stark Akzeptanz wächst, wenn es gesellschaftlich zweckmäßig ist, etwa im ländlichen Raum einer rasch alternden Gesellschaft. Dort werden solche Angebote von der lokalen Gemeinschaft aktiv mitgetragen. In China wiederum scheint die Offenheit gegenüber neuen Technologien generell höher zu sein, auch weil es zum Beispiel kulturell üblicher ist, sich fahren zu lassen.
Was schließen Sie daraus für Europa und Deutschland?
Dass konkrete Anwendungsfälle entscheidend sind. Automatisiertes Fahren wird sich vor allem dort durchsetzen, wo ein greifbarer Nutzen für die Beteiligten besteht.
Und wie lassen sich Nutzen und Vertrauen etablieren?
Vor allem durch positive Erfahrungen. Ein System muss verständlich, zuverlässig und konsistent sein, gerade in der Anfangsphase. Deshalb sind Bedienbarkeit und Transparenz so wesentlich. Es zeigt oder erklärt, was es tut und warum. Dabei geht es weniger um Perfektion als um Nachvollziehbarkeit. Kommt ein System an seine Grenzen, sollte der Nutzer verstehen, weshalb.
Also Hauptsache keine Blackbox?
Genau. Ein System, das ohne jede Erklärung sagt „Bitte übernehmen“, erzeugt Unsicherheit. Sinnvoller ist es, wenn der Fahrer oder die Fahrerin versteht, was gerade passiert und weshalb eine Übernahme nötig wird.
Welche Rolle spielt dabei die Gestaltung der Systeme?
Eine zentrale. Komplexe Technologie muss so aufbereitet sein, dass sie intuitiv erfassbar ist, und zwar im konkreten Nutzungsmoment. Fahrende und andere Verkehrsteilnehmende müssen verstehen, was geschieht, warum es geschieht und wo die Grenzen liegen.
Was heißt das?
Dass das Fahrzeug sein Verhalten offenlegt, etwa durch Visualisierungen, Sprachhinweise und andere Rückmeldungen. So können Fahrende nachvollziehen, warum das System in einer bestimmten Situation so reagiert.
Wie gelingt der Einstieg in solche Funktionen, also dass Nutzerinnen und Nutzer keine Berührungsängste haben?
Indem man sie schrittweise heranführt. Integrierte Tutor- oder Assistenzsysteme können erklären, wann und wie sich Funktionen sinnvoll einsetzen lassen, vor allem dann, wenn sie für den Fahrer oder die Fahrerin neu sind. Das baut besonders zu Beginn Vertrauen auf und beugt Überforderung vor. Denn wirkt ein System unverständlich, wird es häufig schlicht nicht weiter genutzt.
Wie steht es um die Übergabe zwischen System und Mensch, also etwa in kritischen Verkehrssituationen oder wenn die Technologie wegen widriger Wetterverhältnisse überfordert ist?
Das ist eine der größten Herausforderungen, besonders bei höher automatisierten Funktionen. Wer längere Zeit nicht aktiv gefahren ist, verliert schnell den Überblick über Situation und Umfeld. Ein einzelner Warnton reicht dann nicht. Systeme müssen frühzeitig und abgestuft anzeigen, wann eine Übernahme erforderlich wird, damit dem Fahrenden genug Zeit bleibt, sich wieder zu orientieren. Wir sprechen dabei von einem ausreichend großen Warnhorizont. Nur so kann der Fahrende ein mentales Bild der Situation aufbauen und angemessen reagieren.
Auf welche Weise sollte das kommuniziert werden?
Auch hier wieder: Klar, verständlich, eingängig. Eine bloße Übernahmeaufforderung genügt in meinen Augen nicht. Wichtig ist für den Fahrenden, dass erkennbar wird, warum das System an seine Grenzen stößt, etwa wegen komplexer Verkehrslagen.
Wie schätzen Sie das generell ein: Trägt automatisiertes Fahren zur Sicherheit bei?
Das Potential besteht in jedem Fall. Es ist inzwischen eine Binsenweisheit, dass automatisierte Fahrzeuge nicht müde, betrunken oder abgelenkt fahren. Auch sind sie potenziell in der Lage, kritische Situationen früh zu erkennen und gegenzusteuern. Zugleich verändern Menschen ihr Verhalten, sobald sie sich durch Technik abgesichert fühlen. Diese Wechselwirkungen muss man mitdenken. Wie groß der tatsächliche Sicherheitsgewinn im Einzelfall ist, hängt daher stark vom konkreten Einsatz und von der Gestaltung ab.
Wenn Sie es abschließend auf drei Punkte verdichten müssten: Was macht gute automatisierte Fahrfunktionen im Verkehrssystem für Sie aus?
Erstens ein klarer, erkennbarer Nutzen. Zweitens Transparenz, also dass Menschen schnell verstehen, was das System tut, warum es so agiert und wo seine Grenzen liegen. Und drittens eine intuitive Gestaltung, die keine Hürden aufbaut oder den Menschen mit zu hoher Komplexität verunsichert. Kommen diese drei Dinge zusammen, entsteht Vertrauen. Und das ist die Grundlage dafür, dass sich perspektivisch auch hochautomatisiertes Fahren im Alltag bewähren und etablieren kann.
Profil
Prof. Tibor Petzoldt
Verkehrs- und Transportpsychologe an der Technischen Universität Dresden
„Entscheidend ist, dass Menschen verstehen, was das System tut“
Tibor Petzoldt ist ordentlicher Professor für Verkehrs- und Transportpsychologie an der „Friedrich-List“-Fakultät für Verkehrs- und Transportwissenschaften der TU Dresden (seit 2017). Er promovierte 2011 in Psychologie an der TU Chemnitz. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf dem Verhalten von Verkehrsteilnehmern und der Verkehrssicherheit in allen Bereichen des Straßenverkehrs.
Bildquelle: Michael Kretschmar



