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Meine Technik fürs Leben

„Unser Kollisionswarnsystem hat Tram-Unfälle in Den Haag um die Hälfte reduziert!“

Rocío Gálvez Castillo entwickelt mit ihrem Team Assistenzsysteme für Straßenbahnen. Hier schildert sie, was sie bewegt und wie sie etwas bewegt.

Rocío Gálvez Castillo entwickelt mit ihrem Team Assistenzsysteme für Straßenbahnen. Hier schildert sie, was sie bewegt und wie sie etwas bewegt.

Warum ausgerechnet Straßenbahnen?

Der Stadtverkehr sollte nachhaltiger und sicherer werden. Straßenbahnen sind dabei ein wichtiger Baustein.

Eine Straßenbahn fährt an einer Kreuzung in Den Haag um die Kurve.

Assistenzsysteme, die wir für das Auto entwickelt haben, in Straßenbahnen einsetzen – ich war sofort begeistert von der Idee. Aber viele Leute haben gesagt: Keine Chance, das wird nie funktionieren. Autos sind wie Computer mit Rädern, viele Straßenbahnen fahren noch analog herum. Sie sind viel größer und schwerer und haben einen längeren Bremsweg. Also völlig andere Voraussetzungen.

Warum ich mich damit beschäftige? Ich bin Ingenieurin. Probleme lassen mir keine Ruhe, bis ich sie gelöst habe. Es ist doch so: In einem Auto sitzen ein, zwei Leute – in einer Straßenbahn oft mehrere hundert. Ich will daran mitarbeiten, auch dieses nachhaltige Verkehrsmittel sicherer und damit attraktiver zu machen.

Ein Porträt von Rocío Gálvez Castillo, Projektmanagerin bei Bosch

Unser Erfolgsgeheimnis? Wir sind völlig verschiedene Menschen mit völlig verschiedenen Backgrounds. Aber wir haben eine gemeinsame Leidenschaft: Straßenbahnfahren zu einem besseren Erlebnis zu machen.

Rocío Gálvez Castillo, Projektmanagerin bei Bosch

Und das haben wir geschafft. Wir haben bei Bosch Engineering das Tram-Forward-Collision-Warning-System (TFCW) entwickelt. Das Kollisionswarnsystem nutzt die gleichen Technologien wie Autos. Den Unterschied macht vor allem die Software, die Objekte auf den Schienen erkennt und rechtzeitig reagiert – ohne zu viele Fehlalarme auszulösen. In Den Haag haben wir es geschafft, vermeidbare Unfälle um die Hälfte zu reduzieren. Das macht mich wirklich glücklich! Und wir arbeiten daran, noch besser zu werden.

Ich glaube, das Erfolgsgeheimnis ist das Team. Wir sind völlig verschiedene Charaktere, haben unterschiedliche Skills, arbeiten tausende Kilometer voneinander entfernt in Deutschland, Rumänien, Indien. Aber wir ergänzen uns perfekt. Wenn wir uns treffen, sind wir wie Freunde. Beim letzten Mal habe ich alle zu mir nach Hause eingeladen und eine Paella gekocht, ganz wie bei mir zu Hause in Spanien.

Eine Straßenbahn fährt auf einer Trasse durch Den Haag. Im Hintergrund sind moderne Hochhäuser zu sehen.

Wie funktioniert das Kollisionswarnsystem?

Drei Komponenten müssen perfekt zusammenarbeiten: die Multifunktionskamera, ein Radarsensor und das Steuergerät.

Ein Finger zeigt auf eine Kamera des Fahrassistenzsystems, das hinter der Frontscheibe einer Straßenbahn angebracht ist.

Unfälle mit Straßenbahnen passieren ziemlich schnell. Vor allem, wenn man im Stress ist. Jeder kennt das: Du bist spät dran und rennst noch schnell über die Gleise, um die Straßenbahn zu erwischen. Oder ein Auto fährt vor der Bahn und bremst abrupt ab. Mit unserem Assistenzsystem würde die Straßenbahn in solchen Situationen rechtzeitig eingreifen und bremsen, denn es kann aktiv Unfälle verhindern.

Damit das funktioniert, müssen drei Komponenten perfekt zusammenarbeiten: Eine Multifunktionskamera (MPC2), die vorne an der Straßenbahn montiert ist, überwacht die Schienen und erfasst Objekte wie beispielsweise Fahrzeuge, Fahrräder oder Fußgänger. Ein Radarsensor ergänzt die Informationen der Kamera. Und erkennt Hindernisse auch bei schwierigen Bedingungen, zum Beispiel bei Nebel, Regen und Dunkelheit. Der Radarsensor übernimmt Informationen von der Kamera, prüft und gleicht sie mit der Geschwindigkeit und der Entfernung ab. Im Steuergerät (Rail Control Unit) laufen die Informationen zusammen, es ist die Schnittstelle zwischen den Bosch-Komponenten und den Systemen der Straßenbahn. So schaffen wir es, dass das Ganze auch mit älteren Straßenbahn-Modellen einfach funktioniert. Und wenn ein Hindernis erkannt wird, warnt das System den Fahrer optisch und akustisch – und leitet im Notfall selbst eine Bremsung ein.

Natürlich testen wir das System ausführlich, bevor es in den Betrieb geht – und das ist ganz schön aufwändig. Die Automotive-Kollegen können ihre Software in ein Testfahrzeug integrieren und losfahren. Wir müssen erst in Kooperation mit den jeweiligen Verkehrsbetrieben ein Straßenbahndepot finden, eine Testumgebung aufbauen und dann schauen, wie das System auf Hindernisse reagiert. Aber dafür macht es auch richtig Spaß!

Wir passen das System für jede Stadt und jedes Straßenbahnmodell individuell an. Wenn wir die Technik in einer neuen Stadt implementieren, nehmen wir erst einmal mit der Kamera die Strecken auf und analysieren sie. Für das Projekt in Den Haag haben wir über 100 Kilometer Strecke zurückgelegt und etliche Stunden Videomaterial angeschaut: Warum wurde eine Warnung ausgelöst? War das wirklich ein Hindernis oder ein Fehlalarm? Als ich dann das erste Mal in Den Haag war und alles live gesehen habe, dachte ich: Hey, ich kenne hier ja schon jede Kurve!

: Eine Straßenbahn fährt über einen großen Platz in Den Haag, im Hintergrund sind Häuser zu sehen.

Warum sich diese Arbeit so gut anfühlt?

In letzter Konsequenz geht es nicht um Technik, sondern um die Fahrgäste. Es ist schön, wenn ich ihr Leben sicherer und komfortabler machen kann.

Die Bosch-Projektleiterin Rocío Gálvez Castillo blickt zuversichtlich in die Ferne.

Ich kann nicht mehr „normal“ Straßenbahn fahren. Wenn ich irgendwo in eine Bahn einsteige, verfolge ich die Strecke die ganze Zeit und denke: „Wie würde unser System in dieser Situation reagieren?“ Wenn ich an die Zukunft denke, stelle ich mir vor, dass ich in eine beliebige Stadt komme – und unser System dort schon läuft. Es ist ziemlich cool, dass es schon in vielen europäischen Städten im Einsatz ist, inzwischen auch in Nordamerika und Australien.

Das Tolle ist, dass noch so viel mehr Dinge denkbar sind, die wir aus dem Automobilbereich in Straßenbahnen implementieren können. Heute warnt unser System vor Frontalkollisionen, in Zukunft können wir vielleicht auch solche von der Seite oder von hinten verhindern. Und wenn man das weiterdenkt, wird es irgendwann möglich sein, dass sich die Straßenbahnen mithilfe von Assistenzsystemen selbst im Depot einparken, mit anderen Wagen koppeln oder andere Manöver teilautonom ausführen.

Aber auch unser Kollisionswarnsystem ist noch nicht ausgereizt. Da ist noch viel möglich, wenn wir uns die nächste Generation von Sensoren anschauen: So wird es künftig möglich sein, Kollisionen mit höheren Geschwindigkeiten als jetzt zu vermeiden. Außerdem tun sich die aktuellen Systeme in engen Kurven manchmal noch schwer. Auch das werden wir mit der nächsten Generation lösen.

In letzter Konsequenz geht es nicht um Technik, sondern um Menschen. Die, die als Fahrgäste in der Bahn sitzen. Und um die Fahrerinnen und Fahrer, deren Arbeitsplatz das ist. Wir haben so viele Gespräche mit ihnen geführt, um zu erfahren, was ihnen die Arbeit leichter machen würde. Ich will nicht zu viel verraten – aber wir haben eine ganze Menge Ideen, mit denen wir noch viele Probleme lösen können. Und bis dahin gebe ich keine Ruhe.

Vor der nächtlichen Skyline von Den Haag fährt eine Straßenbahn um eine Kurve. Sie ist durch die Bewegungsunschärfe nur als Kontur erkennbar.
Ein Porträt von Rocío Gálvez Castillo, Projektleiterin bei Bosch

Rocío Gálvez Castillo

Rocío Gálvez Castillo lebt seit elf Jahren in Deutschland. Die Spanierin hat in Madrid und Eindhoven Elektrotechnik studiert. Seit sechs Jahren ist sie bei Bosch angestellt, zunächst als Entwicklerin und Projektmanagerin für Fahrassistenzsysteme, seit dreieinhalb Jahren im Bereich Straßenbahnen. Sie arbeitet in Abstatt (Landkreis Heilbronn), ihr Team sitzt außerdem in Rumänien und Indien.

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