Vorderseite seiner Visitenkarte. Robert Bosch mit seinem ersten Geschäftsfahrzeug, einem Fahrrad. (1890)
Geschichte

Moderne auf zwei Rädern – Robert Bosch wird mobil

5 Minuten

18.08.2016

Es ist ein interessanter Anblick, den Robert Bosch auf seiner ersten Visitenkarte bietet. Auf der Rückseite des Hochformats steht seine Adresse, auf der Vorderseite Bosch mit breitkrempigem Hut im dunklen hochgeschlossenen Anzug, fast wie ein Wanderprediger.

Aber er ist ein Feinmechaniker und Elektrotechniker. Der Anzug ist robust, aber vor allem ist er aus Schurwolle. So sorgt er für guten Luftaustausch zwischen Körper und Umgebung, wie es Gustav Jäger formulierte, ein Zoologe und Mediziner. Ihn hörte Robert Bosch an der Stuttgarter Technischen Hochschule in mehreren Vorlesungen, und der „Jägersche Normalanzug“ wurde für ihn ein wichtiger Baustein für ein gesundes und langes Leben.

Sein Fahrrad

Vorderseite seiner Visitenkarte.
Vorderseite seiner Visitenkarte. Robert Bosch mit seinem ersten Geschäftsfahrzeug, einem Fahrrad (1890)

Aber das ist im Bild nicht das Entscheidende, sondern etwas anderes: Fest im Griff hat Robert Bosch ein Fahrrad neben sich. Für uns ein etwas altmodischer Anblick, doch damals um 1890, als der junge Firmeninhaber sich mit dem Vehikel ablichten ließ, waren die in England entwickelten „Safety Bikes“ mit niedrigen Rahmen etwas ganz Neues. In Mode waren in Kontinentaleuropa noch die Hochräder, mit einem riesigen Vorderrad mit Tretkurbeln, oberhalb dessen der Fahrer thronte, und einem winzigen Hinterrad zum Stabilisieren der gewagten Konstruktion. „Safety Bikes“ hießen die neuen niedrig gebauten Räder, weil Hochräder den Lenker bei Unebenheiten in hohem Bogen abwerfen konnten – mit oft tödlich endenden „Kopfstürzen“, wie die Menschen das damals nannten.

In Deutschland mochte man die auch „Niederräder“ genannten Fahrräder nicht, die das Vorbild für die heute noch üblichen Fahrräder sind. Das Hochrad bot einen herrschaftlichen Blick – wie heute im Autoverkehr aus einem SUV. Und wenn der Fahrer auf das Niederrad stieg, so sagte es mancher Kommentator, sähe es aus, wie wenn ein Hund an einen Baum pinkelt. Doch Robert Bosch war unverdrossen. Rund vier Jahre nach der Gründung seiner kleinen Firma 1886 kaufte er sich für den heutigen Gegenwert eines Kleinwagens das moderne Gefährt. Und er nahm es beim Fototermin gleich mit vor die Leinwand. Schließlich wollte er etwas demonstrieren – seine Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem. Er zeigte sich als Unternehmer, der nicht etwa dem neuesten Schrei der Mode folgt, sondern auf Technik setzt, die er aus voller Überzeugung für zukunftsfähig und zukunftsweisend hält.

Offen für neue Ideen

So sieht der Betrachter einen Jungunternehmer, der für Innovation steht. Ein frühes Dokument seiner Fähigkeit zu guter Öffentlichkeitsarbeit. Aber bei Robert Bosch hat alles auch eine ökonomische Seite: Er verkürzte seine Fahrzeit zu den Baustellen in Stuttgart und Umgebung erheblich, auf denen er die Arbeiten seiner Angestellten kontrollierte.

Und er sparte das Geld für den öffentlichen Nahverkehr, den damals noch pferdebespannten Straßenbahnen. So war sein erstes Geschäftsfahrzeug also gleich in zweierlei Hinsicht ein kluger Schachzug.

Dietrich Kuhlgatz

Seit 1998 arbeite ich bei Bosch. Als Fachreferent und Pressesprecher bin ich zuständig für alle Anfragen zur Bosch-Produktgeschichte weltweit und pflege Kontakte zu Technik- und Verkehrsmuseen.
Bevor ich zu Bosch kam, habe ich Geschichte und Philosophie in Konstanz und Hamburg studiert. Danach war ich zunächst Zeitschriftenredakteur und danach wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Technikmuseum Berlin.

Aufnahme Dietrich Kuhlgatz

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