Bosch Ingenieure bei anstrengender Testfahrt. Sie müssen ein Testfahrzeug anschieben.
Geschichte

Im Dauerlauf: Produkterprobung vor 100 Jahren

7 Minuten

Heute wissen die Experten bei Bosch, wie man Technik unter härtesten Bedingungen prüft. Es gibt spezielle Kältekammern, aber auch tropische Bedingungen lassen sich simulieren. Aber jedes Unternehmen hat klein angefangen, so auch Bosch – 1901 hatte die Firma gerade einmal 45 Mitarbeiter und war aus einer engen Mietwerkstatt gerade erst in die erste eigene Fabrik umgezogen.

Fotopause bei herbstlicher Testfahrt der Bosch-Direktoren Borst, Honold, Zähringer und Ulmer durch Süddeutschland, 1907
Fotopause bei herbstlicher Testfahrt der Bosch-Direktoren Borst, Honold, Zähringer und Ulmer durch Süddeutschland, 1907

Und so gab es vor 100 Jahren bei Bosch natürlich auch noch keine eigenen Teststrecken am Polarkreis für den Wintertest wie heute. Daher unternahmen die Bosch-Direktoren höchstpersönlich im Winter die Testfahrten, zum Beispiel in den nahe gelegenen Schwarzwald.

In seinen Erinnerungen schreibt Entwickler Hermann Steinhart: „Zwischen Weihnachten und Neujahr 1913/14 mussten wir einige Sechs-Tage-Versuchsfahrten mit drei Wagen unternehmen, hauptsächlich lange Nachtfahrten. Die Herren Honold und Klein hatten ihre eigenen Wagen zur Verfügung gestellt.“

Mit dem einzigen Bosch-Firmenwagen, einem Napier, waren es drei mit Mechanikern und Ingenieuren in Winterkluft vollbesetzte Wagen. Man fuhr am Rhein bis Köln, durch den Harz, durchs Fichtelgebirge, den bayrischen Wald und schließlich über Nürnberg wieder zurück nach Stuttgart.

Anstrengender Start bergauf bei winterlicher Testfahrt. Die Bosch Entwicklungsingenieure müssen kräftig schieben, machen hier aber lächelnd eine Pause für den Fotografen (1907)
Anstrengender Start bergauf bei winterlicher Testfahrt. Die Bosch Entwicklungsingenieure müssen kräftig schieben, machen hier aber lächelnd eine Pause für den Fotografen (1907)

Der Bericht schildert die kalten Fakten der Fahrt: Im Fichtelgebirge „trafen wir große Schneemassen an. Nur einer unserer Wagen war mit Schneeketten versehen, so dass wir an den anderen die Reifen mit Seilstücken umbinden mussten, um überhaupt voranzukommen.“ Und damit nicht genug: Alle Wagen waren offen – und die Insassen dem Wetter vollends ausgesetzt.

Bosch-Technik sollte immer vorn liegen, und dafür brauchte man Straßenerprobungen. Reklame für Bosch Magnetzündung – in den Händen des „Roten Mephisto“, einer vom belgischen Rennfahrer Camille Jenatzy abgeleiteten Werbefigur, 1911
Bosch-Technik sollte immer vorn liegen, und dafür brauchte man Straßenerprobungen. Reklame für Bosch Magnetzündung – in den Händen des „Roten Mephisto“, einer vom belgischen Rennfahrer Camille Jenatzy abgeleiteten Werbefigur, 1911

Ähnlich abenteuerlich erging es auch August Kazenmaier, einem Entwicklungsleiter, der 1911 zu Bosch kam. Kazenmaier, ein leidenschaftlicher Motorradfahrer, übernahm zu Beginn der 1920er Jahre das Gebiet der Motorradbeleuchtung – bis dahin ein eher stiefmütterlich behandeltes Thema. Er entwickelte unter anderem den Lichtmagnetzünder C1 zur Serienreife – nicht jedoch, ohne das Produkt auch persönlich getestet zu haben. Bei Wind und Wetter jagte er sein Motorrad über die schlechten Straßen: „Das Wasser lief mir zum Kragen meiner Lederausrüstung hinein und an den Stiefeln wieder hinaus. Ich musste alle 50 bis 100 Kilometer den Keilriemen kürzen und verbrauchte drei Riemen (…). Die Lichtanlage hatte aber einwandfrei und ohne jeden Defekt gearbeitet.“

Dietrich Kuhlgatz

Seit 1998 arbeite ich bei Bosch. Als Fachreferent und Pressesprecher bin ich zuständig für alle Anfragen zur Bosch-Produktgeschichte weltweit und pflege Kontakte zu Technik- und Verkehrsmuseen.
Bevor ich zu Bosch kam, habe ich Geschichte und Philosophie in Konstanz und Hamburg studiert. Danach war ich zunächst Zeitschriftenredakteur und danach wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Technikmuseum Berlin.

Aufnahme Dietrich Kuhlgatz

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