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Geschichte

Fernsehen bei Bosch

Die Geschichte der Fernseh GmbH

Das Bild zeigt die Blaupunkt Ferhsehtruhe von 1954

Ohne eine große Portion Idealismus hätten es die Fernsehpioniere der 1920er Jahre nicht so schnell zum Erfolg geschafft. Zu abenteuerlich erschien die Idee, bewegte Bilder zu übertragen und zu empfangen, zu subtil und neuartig die dahinterstehende Technik. Die Ingenieure der 1929 unter Beteiligung von Bosch gegründeten „Fernseh AG“ ließen sich jedoch nicht beirren. Bereits in den frühen 1930er Jahren gelang ihnen erstmals die elektronische Bildwiedergabe, die für die weitere Entwicklung des Fernsehens richtungsweisend wurde.

Logo der 1929 gegründeten Fernseh AG
Logo der 1929 gegründeten Fernseh AG

Die grundlegenden technischen Voraussetzungen des Fernsehens waren seit 1884 bekannt, als Paul Nipkow das erste Fernsehpatent erhielt. Mithilfe der nach ihm benannten Nipkow-Scheibe konnte ein Bild zeilenweise abgetastet, in ein übertragbares elektrisches Signal verwandelt und wieder zusammengesetzt werden.

Nach vielen Versuchen und Weiterentwicklungen stand der Startschuss des Fernsehens Ende der 1920er Jahre unmittelbar bevor. In Deutschland hatte 1928 das Telegraphentechnische Reichsamt der Deutschen Reichspost offiziell die Förderung des Fernsehens übernommen, und im Herbst desselben Jahres waren auf der 5. Funkausstellung in Berlin erstmals Fernsehgeräte vorgeführt worden. Das neue Medium erschien vielversprechend, war aber technisch äußerst anspruchsvoll, so lag es nahe, zu seiner Umsetzung Fachleute aus verschiedenen Gebieten zusammenzubringen.

Erste Erfolge der Fernseh AG

Filmabtaster für Normalfilm aus dem Jahr 1930
Filmabtaster für Normalfilm aus dem Jahr 1930

Am 11. Juni 1929 gründeten vier Unternehmen in Berlin die Fernseh AG. Die Baird Television Ltd. aus London verfügte über Erfahrung bei der Bildzerlegung und elektrooptischen Wandlern, D.S. Loewe aus Berlin kannte sich in der elektronischen Verstärkertechnik aus. Bosch brachte seine Kenntnisse der Feinmechanik und Messtechnik ein, und die Dresdner Zeiss Ikon AG verstand sich auf optische und photographische Verfahren.

Den ersten großen Auftritt hatte das junge Unternehmen bereits drei Monate später. Auf einem eigenen Messestand der 6. Berliner Funkausstellung wurde ein funktionsfähiger Fernsehempfänger präsentiert, der – entgegen der offiziellen Ankündigung – allerdings nie in Serie ging. Erfolgreich verlief auch die Entwicklung eines Filmabtasters zur Übertragung von Normalfilm ins Fernsehen, der verhältnismäßig deutliche und flimmerfreie Bilder ermöglichte, aber nach wie vor mit der unzureichenden Helligkeit zu kämpfen hatte.

Licht ins Dunkel brachte schließlich der Einsatz der Braunschen Röhre, in deren luftleerem Inneren ein gebündelter Elektronenstrahl zur Bilderwiedergabe auf eine Leuchtstoffschicht traf. 1932 war bei der Fernseh AG eine Hochvakuumabteilung eingerichtet worden, in der die Anwendung der Braunschen Röhre in den Empfängergeräten erprobt und umgesetzt wurde. Die vollelektronische Hochvakuum-Röhre ermöglichte deutlich lichtstärkere und schärfere Bilder und wurde in der Folgezeit weltweit zum Standard.

Das Fernsehen verlässt das Studio

Erster Zwischenfilm-Aufnahmewagen mit Filmkamera, Schnellentwicklung, Filmabtaster, Verstärker und Taktgeber (1934)
Erster Zwischenfilm-Aufnahmewagen mit Filmkamera, Schnellentwicklung, Filmabtaster, Verstärker und Taktgeber (1934)

Dennoch konnten gute Fernsehbilder nach wie vor nur aus abgedunkelten Studios übertragen werden, da die Lichtstrahlabtaster im Freien bei natürlichem Licht nicht funktionierten. Zur Lösung dieses Problems und zur Fernsehübertragung von Außenveranstaltungen entwickelte die Fernseh AG ab 1931 das Zwischenfilmverfahren. Dabei wurden die Szenen mit einer normalen Filmkamera aufgenommen, der Film sofort in eine Schnellentwicklung weitertransportiert und kurz darauf wieder abgetastet und übertragen. Die Verzögerung zwischen Aufnahme und Wiedergabe betrug lediglich 15 Sekunden, so dass das Publikum fast unmittelbar zuschauen konnte.

Die ersten großen öffentlichkeitswirksamen Fernsehübertragungen fanden anlässlich der Olympischen Spiele im Jahr 1936 in Berlin statt. Ein Fernseh-Aufnahmewagen mit Zwischenfilmanlage der Fernseh AG übertrug die Wettbewerbe von unterschiedlichen Sportstätten; im Stadion fest installiert war eine erste vollelektronisch arbeitende Ikonoskop-Kamera des Konkurrenzunternehmens Telefunken.

Die Sportveranstaltungen stießen auf großes Interesse, so dass sich über die Gesamtzeit der Spiele rund 160.000 Zuschauerinnen und Zuschauer um die privaten und in öffentlichen Fernsehstuben aufgestellten Empfangsgeräte versammelten.

Überlagert wurde die Freude am Sport durch die Propagandamaschinerie der nationalsozialistischen Regierung in Deutschland, die nicht nur die Olympischen Spiele, sondern auch das täglich ausgestrahlte Fernsehprogramm für ihre Zwecke missbrauchte. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 hatte die Entwicklung des Fernsehens verstärkt staatliche Förderung erfahren.

Bis zum Kriegsausbruch 1939 und der Einstellung des öffentlichen Fernsehens in Deutschland erfuhren die Fernsehunternehmen immer wieder Eingriffe durch verschiedene nationalsozialistische Regierungsstellen. In diesem Zusammenhang standen auch die Veränderungen unter den Gesellschaftern der Fernseh AG. Baird als britische Beteiligung sowie Loewe, dessen Gründer jüdischer Herkunft war, wurden aus dem Unternehmen herausgedrängt. Bosch und Zeiss Ikon widersetzten sich diesem Vorgehen nicht. 1939 übernahm Bosch die Anteile von Zeiss Ikon und wandelte die Fernseh AG in eine GmbH um.

Das Fernsehen etabliert sich

Der 1938 vorgestellte Kleinempfänger DE7 der Fernseh AG wurde zum Vorbild für viele nachfolgende Heimgeräte
Der 1938 vorgestellte Kleinempfänger DE7 der Fernseh AG wurde zum Vorbild für viele nachfolgende Heimgeräte

Der Neustart der Fernseh GmbH erfolgte 1949 in Darmstadt, als die alliierten Besatzungsmächte in Deutschland die Betätigung auf dem Gebiet des Fernsehens zuließen. In Nachbarschaft zum Fernmeldetechnischen Zentralamt, zur Technischen Hochschule und zum Radiogeräte-Hersteller Blaupunkt, ebenfalls eine Bosch-Tochterfirma, wurde die Arbeit wiederaufgenommen. Bereits 1938 hatte die Fernseh AG für das Fernsehstudio der Reichspost-Fernseh-Gesellschaft die notwendigen Geräte geliefert: neue Ikonoskop-Kameras, bei denen das mechanische Abtastverfahren über die Nipkow-Scheibe durch eine elektronische Bildaufnahmeröhre ersetzt worden war, mechanische und elektronische Filmabtaster sowie die Ausrüstung des Regieraums mit Bildkontrollgestellen und Bildmischpult. Im Rahmen des ersten Großauftrags der Nachkriegszeit baute die Fernseh GmbH das Versuchsstudio des Nordwestdeutschen Rundfunks mit allen Grundgeräten auf. Damit war das künftige Betätigungsfeld umrissen: das Unternehmen entwickelte und produzierte sämtliche zu einem Fernsehstudio gehörenden Geräte, einschließlich der mobilen Ausstattung der Fernseh-Aufnahmewagen. Den Bereich der Empfangsgeräte übernahm Blaupunkt.

Regieplatz in einem Übertragungswagen (1952)
Regieplatz in einem Übertragungswagen (1952)
Superorthikon-Fernsehkamera (1954)
Superorthikon-Fernsehkamera (1954)
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Endlich auch in Farbe

Erste Farbkamera (1964)
Erste Farbkamera (1964)

Versuche, Fernsehbilder in Farbe zu übertragen, waren schon in der Frühphase des Fernsehens unternommen worden. Im Oktober 1953 starteten die ersten regelmäßigen Farbsendungen in den USA. Da die Farbfernsehgeräte lange sehr teuer waren, gab es anfangs nur wenige Angebote in Farbe. Mit dem Vordringen elektronischer Bauteile seit den frühen 1960er Jahren und gleichzeitig der Weiterentwicklung der Farbfernsehanlagen stand in vielen Ländern Ende der 1960er Jahre die doppelte Umstellung an: zum einen auf kompaktere, leistungsfähigere Studiogeräte, zum anderen auf das Farbfernsehen. Die Fernseh GmbH hatte 1963 einen Großteil der Ausrüstung des Farbfernsehversuchslabors des Westdeutschen Rundfunks in Köln beigesteuert und mit Grundlagenforschung zum Farbfernsehen sich auch international einen Namen gemacht.

Live aus dem Stadion

Einen großen Sprung nach vorne machte das Farbfernsehen – und die Fernseh GmbH – mit der weltweiten Übertragung der Olympischen Spiele 1972 in München. Angesichts der fast durchgängigen Livesendungen und der hohen technischen Anforderungen war in Fachkreisen schon im Vorfeld von der „Olympiade der Fernsehtechnik“ die Rede. Sowohl bei der Planung der technischen Umsetzung der Übertragungen als auch bei der Geräteausstattung und Einrichtung der Studios war die 1972 neu benannte Robert Bosch Fernsehanlagen GmbH (kurz Fernseh) in großem Umfang beteiligt. Das Unternehmen bestückte den Fernseh-Regieraum mit der Schalt- und Verteilereinrichtung, über die sechzig Fernsehanstalten ihre Programme für 98 Länder zusammenstellten.

Die Fernseh richtete 12 Farbfernsehstudios für eine eigene Berichterstattung der Fernsehanstalten ein, schickte 25 Übertragungswagen mit mobilen Studios sowie sieben Aufzeichnungswagen zu den Veranstaltungen, lieferte 120 Farbfernsehkameras und zusätzliche tragbare Reporterkameras.

Auch bei den folgenden internationalen Fernseh-Großveranstaltungen wie der Fußballweltmeisterschaft 1974 in Deutschland, den Olympischen Spielen 1976 in Montreal und der Fußballweltmeisterschaft 1978 in Argentinien kam ein Großteil der Farbfernsehausrüstung von der Robert Bosch Fernsehanlagen GmbH aus Darmstadt.

Fußball WM 1978: Vier Übertragungswagen mit zugehörigen Kameras werden für die Verschiffung nach Argentinien vorbereitet (1977)
Fußball WM 1978: Vier Übertragungswagen mit zugehörigen Kameras werden für die Verschiffung nach Argentinien vorbereitet (1977)

Mit den beginnenden 1980er Jahren brachen schwierige Zeiten für die Bosch-Tochter an. Um der immer stärker werdenden Konkurrenz aus den USA und vor allem Japan besser entgegentreten zu können, schloss sich die Robert Bosch Fernsehanlagen GmbH 1986 mit dem Studioausrüstungsbereich der niederländischen Philips N.V. zum Gemeinschaftsunternehmen BTS Broadcast Television Systems zusammen.

Nach dem schrittweisen Rückzug vollzog Bosch im Jahr 1993 seinen endgültigen Abschied vom Fernsehgeschäft und Philips übernahm die restlichen Anteile an der BTS.

Das Kapitel Fernsehanlagen war damit bei Bosch abgeschlossen, der Beitrag der Fernseh zu vielen technischen Weiterentwicklungen bleibt jedoch ein wichtiger Teil der Fernsehgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Bettina Simon

Seit 2006 arbeite ich in der Historischen Kommunikation bei Bosch, zunächst im Bereich der Schriftgutarchivierung, mittlerweile bin ich für die Technikgeschichte zuständig und kümmere mich um die Produktsammlung, außerdem betreue ich Ausstellungsprojekte in verschiedensten Museen.
Bei gutem Wetter drehe ich gerne eine Runde mit meinem Fiat 500 (Baujahr 1970).

Aufnahme von Bettina Simon

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