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Geschichte

Ein Jahrhundert Bosch in Indien

„Wir müssen andere Wege gehen“

Rund 20 Männer stehen vor einem Gebäude mit der Aufschrift „Sales - Bosch - Service“

Bosch in Indien hat einen Grund zu feiern. Vor einem Jahrhundert begannen die Aktivitäten von Bosch auf dem Subkontinent. Das Gründungsdatum kennen wir exakt: Am 1. September 1922 schloss Bosch einen Vertrag mit Illies & Co. ab. Das traditionelle Hamburger Handelsunternehmen sollte den Verkauf von Bosch-Produkten in Indien übernehmen, denn es kannte die Marktverhältnisse vor Ort sehr gut. Von dort ging der Weg über Lizenzfertigung in den 1950er Jahren bis zu den heutigen regionalen Gesellschaften von Bosch in Indien.

Der Grund für das Engagement vor 100 Jahren war einfach: Der indische Subkontinent bot vor 100 Jahren große Chancen für Bosch. Automobile brauchten ein Zündsystem, und Bosch wollte auch in Indien die weltweit erfolgreiche Magnetzündung als Standard etablieren.

Bosch wollte auch die weitere Marktentwicklung im Auge behalten, um dann zu entscheiden, ob die Gründung einer Tochtergesellschaft, oder gar eines eigenen Fertigungswerks aussichtsreich wären.

Repräsentatives Gebäude mit großzügigem Grundstück und Autos
Geschäftshaus der Bosch-Vertretung Illies & Co in Kolkata (Kalkutta), 1925
Innenraum einer Reparaturhalle mit Automobilen
Reparaturhalle der Bosch-Vertretung Illies & Co in Kolkata (Kalkutta), 1925

Das Engagement in Indien war Teil einer zweiten Internationalisierungswelle nach dem Ersten Weltkrieg. Für Bosch war es wichtig, in allen Staaten des asiatisch-pazifischen Raums präsent zu sein, deren wirtschaftliche Entwicklung vielversprechend war. Die Komponenten von Bosch hatten weltweit ein Renommée erreicht, das auch in jenen Ländern gute Marktchancen versprach, in denen der Autoverkehr erst jetzt richtig Fuß fasste. Diese Chancen wollte das Unternehmen nutzen, um der Konkurrenz das Feld nicht zu überlassen. So verschiffte man zunächst aus Stuttgart Magnetzündanlagen, Zündkerzen, elektrische Hörner wie auch Scheinwerfer und Generatoren auf den Subkontinent, über Neckar, Rhein, die Nordseehäfen und rund ums Kap der guten Hoffnung. Das Geschäft war angesichts der starken Konkurrenz der damaligen britischen Kolonialmacht zunächst sehr schwierig. Trotz des großen Ansehens der Marke Bosch und hoher Kundenzufriedenheit erreichten bis Ende der 1930er Jahre die Verkäufe ein Volumen von nur rund 150 000 Reichsmark.

Das war weniger als ein Tausendstel des Gesamtumsatzes. Grund für die niedrigen Umsätze war vor allem, dass in Indien hauptsächlich englische und US-amerikanische Fahrzeuge das Straßenbild prägten. Sie waren ab Werk mit Technik aus ihren Herstellungsländern ausgerüstet, von Zulieferern wie Lucas, Delco-Remy und Auto-Lite. Ging etwas an einem Fahrzeug kaputt, deckte die Konkurrenz den Bedarf. Für Bosch war das Ersatzteilgeschäft demensprechend bescheiden.

Mit dem Zweiten Weltkrieg und den dadurch sinkenden Exporten nach Indien verschärfte sich das Problem. Im Verlaufe des Krieges wurden die Handelsvertretungen von Bosch schließlich ganz geschlossen. Es gab nach Kriegsende viel zu tun, um das Unternehmen zu seiner heutigen Marktstellung in Indien zu führen.

Ochsengespann und Bauarbeiter vor Rohbau in Indien.
Bauarbeiten am Mico-Werk Bengaluru (Bangalore), 1952. In der kreisförmigen Rille wird Zement hergestellt und mit dem von Ochsen gezogenen Rad angemischt.

Der Erfolg kam 1951. Die Zusammenarbeit mit der jungen indischen Firma Ghaziabad Engineering Corporation und deren Tochtergesellschaft Motor Industries Co. Ltd. (Mico) war der entscheidende Schritt dazu. Mico fertigte in Lizenz Zündkerzen und Dieseleinspritzpumpen für Bosch. Für Bosch war die Allianz der Zugang zum indischen Markt, denn nach Ende der Ära als britische Kolonie war Indien sehr restriktiv in Bezug auf Genehmigungen für ausländische Unternehmen. Die Kooperation mit Mico bot Bosch die Perspektive, sich langfristig als vor Ort produzierendes Unternehmen zu etablieren.

Eine wichtige Voraussetzung war der erste Fünfjahresplan, den 1950 die demokratische Regierung unter dem ersten Ministerpräsidenten Jawaharlal Nehru verabschiedet hatte. Er sah die systematische Bewässerung von Feldern mit Hilfe von Dieselaggregaten vor. So wurde die Dieseleinspritzung für Stationärmotoren das erste erfolgreiche Bosch-Projekt im postkolonialen Indien. Eine Marktanalyse, die Bosch-Experten 1953 verfassten, geht davon aus, dass ein Schlussstrich unter die wirtschaftlichen Restriktionen nicht in Sicht sei. Wenn Bosch aber selbst in Indien fertige, wären künftige Importrisiken ausgeschlossen, so stünde eine berechenbare Entwicklung des Geschäftes in Aussicht.: „Wir müssen andere Wege gehen“, resümieren die Verfasser.

Durch die zunehmende Motorisierung mit dieselgetriebenen Lastwagen dominierte bald das Automobilgeschäft des Bosch-Partners Mico, statt Dieseltechnik für landwirtschaftlich genutzte stationäre Aggregate wie bisher. 1954 beteiligte sich Bosch zunächst mit gut neun Prozent an Mico, und stockte die Beteiligung dann kontinuierlich auf. Heute hält Bosch rund 70 Prozent der Anteile.

Mitarbeiter an Konstruktionszeichenbrettern.
Konstruktionsabteilung an einem Mico-Standort in Indien, 1982

Seit 2008 heißt das Unternehmen mit seinen Standorten Bengaluru, Nashik, Naganathapura, Sitapura und Goa nunmehr Bosch Limited. Auch die Produkte tragen heute den Namen Bosch. Die Aktivitäten von Bosch in Indien beschränken sich aber längst nicht mehr auf Fertigung und Verkauf. Eine besondere Rolle spielt heute in Indien die Entwicklungsarbeit. Die dortigen Spezialisten entwickeln zum Beispiel Motorsteuerungen für einheimische Niedrigpreisfahrzeuge, die vor allem robust und preiswert in der Fertigung sind. Für die regional abgestimmte Forschungs- und Entwicklungsarbeit gründete Bosch 2014 das Research & Technology Center in Bengaluru, ab 2017 zudem einen Ableger des Bosch Center für Artificial Intelligence BCAI. 2019 folgte das Robert Bosch Center for Data Science and Artificial Intelligence am Indian Institute of Technology Madras, einer der führenden indischen Technikhochschulen.

Bürogebäude mit Bosch Schriftzug
Bosch Headquarters in Bengaluru, Indien, 2020

Ein besonderes Merkmal von Bosch in Indien ist heute die Entwicklung der dortigen IT-Sparte: Das 1998 gegründete kleine Software-Zentrum von Bosch India legte einen bemerkenswerten Aufstieg hin: 2008 in Robert Bosch Engineering and Business Solutions Limited (RBEI) umgewandelt, bietet RBEI heute weltweit Entwicklungsdienstleistungen und IT-Lösungen an. Dieses Unternehmen ist nicht nur in Indien aktiv: Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in Indien und sechs anderen Ländern in Asien, Amerika und Europa bei Bosch angestellt.

Dietrich Kuhlgatz

Aufnahme Dietrich Kuhlgatz

Seit 1998 arbeite ich bei Bosch und bin stellvertretender Abteilungsleiter. Als Fachreferent und Pressesprecher bin ich zuständig für Anfragen zur Bosch-Produktgeschichte weltweit und pflege Kontakte zu Technik- und Verkehrsmuseen. Ich bin für historische Anfragen in Asien, Australien und Afrika zuständig.
Bevor ich zu Bosch kam, habe ich Geschichte und Philosophie in Konstanz und Hamburg studiert. Danach war ich zunächst Zeitschriftenredakteur und danach wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Technikmuseum Berlin.

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