Franz Josef Radermacher, Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung in Ulm vor einem grünen Hintergrund.
Franz Josef Radermacher

Die Kraft grüner Energien

Im Gespräch mit dem Experten für Globalisierung und Nachhaltigkeit

5 Minuten

04.08.2020

Gegen wachsenden Wohlstand hat Franz Josef Radermacher nichts einzuwenden. Allerdings, so warnt er, wächst damit auch das Klimaproblem. Für die Lösung setzt er auf zwei Wege.

Franz Josef Radermacher während eines Interviews.

„Der Mensch strebt nach Wohlstand und einem guten Leben“, sagt Franz Josef Radermacher. Der Klimaexperte und Informatiker leitet das Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW) in Ulm, Südwestdeutschland. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der Globalisierung und den Herausforderungen, die sie in Zukunft mit sich bringt. Bis zum Jahr 2050, schätzt Radermacher, werden rund zehn Milliarden Menschen den Planeten bevölkern. Das ist gut ein Drittel mehr als heute. Wollen sie alle in Wohlstand leben, wird dazu viel Energie verbraucht werden müssen. „Wie kann diese Energie produziert werden und was passiert mit dem zusätzlich freigesetzten Kohlendioxid?“, fragt Radermacher, der beispielsweise die rasante Entwicklung in China im Blick hat, wenn er von den Begleiterscheinungen einer boomenden Gesellschaft spricht.

„China hat 500 Millionen Menschen aus der Armut bekommen. Um welchen Preis? In den vergangenen fünf Jahren hat sich dort im Bauwesen mehr getan als im Rest der Welt im vergangenen Jahrhundert.“

Franz Josef Radermacher, Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung

Anwalt ökosozialer Marktwirtschaft

Radermachers Fragen zeigen ein Dilemma auf: Einer wachsenden Gesellschaft Wohlstand zu ermöglichen und gleichzeitig den Klimawandel zu bekämpfen – das scheint nahezu unvereinbar. Als Verfechter der ökosozialen Marktwirtschaft will der Forscher aber genau das erreichen und soziales und nachhaltiges Wirtschaften miteinander in Einklang bringen. „Wir könnten das Klimaproblem lösen, indem wir in die Armut gehen, das heißt, keine Autos, keine Heizung, keine Flugzeuge, kein Fleisch“, sagt Radermacher, wohlwissend, dass das nicht funktioniert. „Die Reichen wollen nicht arm werden, um das Klimaproblem zu lösen, und die Armen wollen reich werden. Und das verschärft das Klimaproblem.“

Technologie als Ausweg

Also sucht er nach neuen Ideen – und ist bereits fündig geworden: „Wie immer in der Geschichte ist Technik die einzige friedliche, softe Lösung.“ In diesem Fall bedarf es einer Technologie, mit der sich erneuerbare Energien zu angemessenen Preisen in Elektrizität umwandeln lassen. Aber: „Mit Elektrizität können wir nur die Hälfte der Probleme unserer Zivilisation lösen“. Für ihn steht fest, dass vor allem in der Mobilität noch viel mehr getan werden muss. Als alternative Antriebsmethode neben grünem Strom hält er Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe für vielversprechend: „In den Wüsten dieser Welt gibt es genügend Sonne und Platz, um durch Elektrolyse Wasserstoff herzustellen“, sagt er.

Der Wasserstoff ließe sich wiederrum mit Kohlendioxid (CO₂) zu Methanol verbinden. Der Clou: Mit Methanol lassen sich Verbrennungsmotoren antreiben – anders als Benzin oder Diesel bleibt die Klimabilanz beim synthetischen Sprit aber ausgeglichen. Denn bei der Verbrennung wird nur so viel CO₂ freigesetzt, wie der Atmosphäre vorher entnommen wurde. „Wenn man diese Art von Recycling in großem Stil betreibt, lassen sich Emissionen deutlich verringern“, sagt Radermacher. Die richtigen Technologien könnten also einen großen Beitrag dazu leisten, das Dilemma zu lösen.

CO₂-Recycling kann dazu beitragen, Emissionen um 80 Prozent zu reduzieren.

Naturbasierte Lösungen

Nach Ansicht von Radermacher gibt es aber noch eine weitere Option: sogenannte naturbasierte Lösungen. Beispielsweise der konsequente Schutz von Regenwäldern, eine massive Wiederaufforstung oder die Humusbildung in der Landwirtschaft. Das alles sind Maßnahmen, die der Atmosphäre CO₂ mittels biologischer Sequestrierung – der Deponierung von CO₂ im tieferen Untergrund – entziehen. „Naturbasierte Lösungen sind der einzige Bereich, in dem immer mehr Wohlstand mit immer weniger CO₂ einhergeht“, so Radermacher. Also genau das, wonach er strebt. „Es ist völlig ungewöhnlich, aber es funktioniert.“

Interview mit Franz Josef Radermacher, Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung

Ein Portraitfoto von Franz Josef Radermacher.

Franz Josef Radermacher

Professor für Informatik an der Universität Ulm und Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung

Naturbasierte Lösungen sind das Beste, was wir tun können, kombiniert mit vernünftigen Lösungen im Energiebereich.

Radermacher macht sich für eine ökosoziale Marktwirtschaft stark und engagiert sich in der Global Marshall Plan Initiative, die für eine gerechte Globalisierung eintritt. Er ist Mitglied des Club of Rome, Präsident des Global Economic Network und Professor und Botschafter für digitale Transformation an der Zeppelin Universität Friedrichshafen. Seit 1987 ist er Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW) in Ulm (seit 2005 FAW/n).

Fazit

Franz Josef Radermacher will das Dilemma, das aus wachsendem Wohlstand und Klimawandel entsteht, mithilfe von naturbasierten Lösungen und grüner Energie angehen. Erstere bündelt CO₂ im Untergrund, zweitere schont fossile Ressourcen und macht das Recyceln von CO₂ mithilfe von Wasserstoff möglich.

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