Bosch CEO Volkmar Denner steht vor einem grünen Hintergrund, der eine befahrene Strasse zeigt.
Denner’s view

Mehr Wettbewerb für klimafreundliche Mobilität

10 Minuten

10.07.2019

Ein Plädoyer für Technologie-Offenheit auf dem Weg zum CO₂-neutralen Straßenverkehr

von Dr. Volkmar Denner

Ein Elektroauto und ein E-Scooter auf der Straße

Schon im Begriff des Ingenieurs steckt das Genie, der von Neugier inspirierte schöpferische Geist. Aber was setzt diesen Geist tatsächlich frei? Es ist der freie und offene Blick auf das Mögliche. Mobilität ohne Energieverbrauch – das wird eine Phantasie bleiben wie das „perpetuum mobile“. Aber Mobilität ohne CO₂-Belastung – das ist möglich. Es setzt jedoch einen Innovationswettbewerb voraus, den Wettbewerb unter den automobilen Antrieben für den besten Klimaschutz im Straßenverkehr. Erst Technologie-Offenheit stimuliert den Erfindergeist, um noch so komplexe Probleme zu lösen.

„Mobilität ohne Energieverbrauch – das wird eine Phantasie bleiben. Aber Mobilität ohne CO₂-Ausstoß – das ist möglich.“

Dr. Volkmar Denner, CEO Bosch

Für klimaneutrale Produkte

Der freie und offene Blick auf das Mögliche sollte ein Technologie- Unternehmen anleiten, das mit dem Klimaschutz ernst macht. Dass Bosch den CO₂-Ausstoß seiner Standorte in aller Welt schon 2020 neutral stellt, ist ein großer Schritt. In letzter Konsequenz gilt es aber, nicht nur die Standorte, sondern auch die Produkte möglichst klimaneutral zu machen. Und das heißt für den weltweit größten Zulieferer der Automobilindustrie: den Wettbewerb aufnehmen um den besten Klimaschutz im Straßenverkehr.

75 Prozent

der Neuwagen haben 2030 noch immer einen Verbrennungsmotor an Bord. Deshalb muss dieser Motor Teil der Lösung sein.

Was die Automobilindustrie tun kann

Am Anfang steht eine schmerzliche Einsicht. Die CO₂-Emissionen des Straßenverkehrs in Europa sind seit 1990 um 22 Prozent gestiegen. Ihren „peak“ erreichten sie 2007. Im Vergleich zu 2007 ist zwar ein Rückgang zu verzeichnen. Allerdings: Um dem Pariser Klimaschutz-Abkommen zu folgen, wäre die CO₂-Neutralität des europäischen Verkehrs bis 2050 notwendig.

Was die Automobilindustrie tun kann? Alternative Lösungen finden und anbieten: Dazu gehört die Elektromobilität, von der Batterie bis zur Brennstoffzelle. Technologie-Offenheit bedeutet allerdings: Auch der moderne Verbrennungsmotor ist Teil der Lösung. Er muss es sein, denn 2030 wird er weltweit noch drei von vier Neuwagen antreiben – erst jeder vierte wird bis dahin rein elektrisch fahren. Immerhin: Diesel und Otto lassen sich stark hybridisieren, damit lässt sich ihr CO₂-Ausstoß von derzeit über 100 auf 20 Gramm pro Kilometer senken.

Infografik über die CO2-Emissionen des europäischen Straßenverkehrs
Die CO₂-Emissionen des Straßenverkehrs in Europa sind seit 1990 um 22 Prozent gestiegen. (1990 = 100)

Von der Quelle bis zum Rad

Das aber gilt nur für den Energieverbrauch vom Tank bis zum Rad. Mindestens genauso wichtig ist die Vorstufe von der Quelle bis zum Tank. Die motorischen Maßnahmen müssen also ergänzt werden, etwa durch synthetische Kraftstoffe, regenerativ hergestellt. Betankt mit E-fuels, kann der Verbrenner klimaneutral werden. Eine Ersparnis, die auf die Flottenwerte der europäischen CO₂-Regulierung angerechnet werden sollte. Denn machen wir uns nichts vor: Auch Elektroautos werden erst CO₂-neutral, wenn der Strom aus erneuerbaren Quellen stammt. Das weitet den Blick: Klimaschutz im Straßenverkehr findet nicht nur auf der Straße statt, vielmehr von der Quelle bis zum Rad.

„Technologie-Offenheit ließe sich über die CO₂-Bepreisung fördern, etwa über eine Steuer auf die Treibhausgas-Emission“

Dr. Volkmar Denner, CEO Bosch

Fehlsteuerungen vermeiden

Letztendlich geht es um Transparenz – Klarheit über die gesamte Energiekette ebenso wie über den tatsächlichen Energieverbrauch auf der Straße und nicht nur im genormten Messzyklus. Erst diese Transparenz regt im Zusammenspiel mit anspruchsvollen Zielen den Innovationswettbewerb an, nicht die politische Priorität für eine Wunschtechnologie, egal ob Verbrenner oder Stromer. Klarheit über die Ziele ermöglicht Technologie-Offenheit – und Offenheit ermöglicht Wettbewerb, so dass sich die besten Technologien durchsetzen können.

Diese Art der Offenheit ließe sich durchaus über die CO₂-Bepreisung noch fördern, etwa über eine Steuer auf die Treibhausgas-Emission. Zumindest könnte ein technologieneutraler CO₂-Aufpreis jene Fehlsteuerungen vermeiden, wie sie durch einseitige Subventionen entstehen. So könnte zum Beispiel die gezielte Förderung von Elektroautos die Nachfrage nach weniger gewünschten Fahrzeugen einbrechen lassen. Deren Preise jedoch würden daraufhin nach den Gesetzen des Marktes soweit zurückgehen, dass die Nachfrage wieder steigen könnte. So kann es kontraproduktiv sein, wenn Politik gegen den Markt agiert.

Straße mit Elektro-Ladesäulen und einer Tankstelle
Technologie-Offenheit ermöglicht Wettbewerb, so dass sich die besten Technologien durchsetzen können.
Elektromobilität
Von der Quelle bis zum Rad - Elektromobilität ist CO₂-neutral, wenn der Strom aus erneuerbaren Quellen stammt.
Ladeinfrastruktur für die Elektromobilität
Ein Teil der Verkehrswende: Ladeinfrastruktur für die Elektromobilität verbessern.
 Wasserstoffbetriebener Truck Nikola
Für den wasserstoffbetriebenen Truck Nikola liefert Bosch zahlreiche Innovationen.
Straßenverkehr
Betankt mit synthetischen Kraftstoffen, kann der Verbrenner klimaneutral werden.

Wasserstoff-Wirtschaft aufbauen

Allerdings erfordert die Ökonomie des Klimaschutzes eine genauere Betrachtung. Denn bekanntlich sind die CO₂-Vermeidungskosten je nach Branche sehr unterschiedlich, in der Stromerzeugung deutlich niedriger als im Transportwesen. Das bedeutet: Die CO₂-Bepreisung allein wird nicht zur Klimaneutralität in allen Wirtschaftssektoren führen. Sie sollte durch weitere Maßnahmen flankiert werden. So ist es vorstellbar, die Einnahmen aus einer CO₂-Steuer auch in die Verkehrswende zu reinvestieren.

Dabei ließe sich, im Sinne der Technologie-Offenheit, die Modernisierung der Antriebe zumindest in zwei Richtungen fördern: einerseits die Ladeinfrastruktur für die Elektromobilität verbessern, andererseits eine europäische Wasserstoff-Wirtschaft aufbauen. Das wäre nicht die Förderung einer bestimmten Technologie. Vielmehr könnten die infrastrukturellen Voraussetzungen für den Wettbewerb zwischen Technologien geschaffen werden.

„Spätestens, wenn der Flug- und Schiffsverkehr CO₂-neutral werden soll, werden wir um die neuen Kraftstoffe nicht herumkommen.“

Dr. Volkmar Denner, CEO Bosch

Klimalücke mit E-Fuels schließen

Auto an einer Tankstelle
Die motorischen Maßnahmen müssen ergänzt werden, etwa durch synthetische Kraftstoffe, regenerativ hergestellt.

Ohnehin wird die bisher absehbare Elektrifizierung des Straßenverkehrs nicht ausreichen, um die Klimaziele bis 2030 zu erfüllen. Das hat die Nationale Plattform zur Zukunft der Mobilität gerade erst für Deutschland festgestellt. Das Bundesverkehrsministerium sieht sogar eine „Klimalücke“ im nächsten Jahrzehnt, die es unter anderem mit circa drei Millionen Tonnen an alternativer Kraftstoffen zu füllen gilt. Wir brauchen also beides: Elektromobilität und E-Fuels. Spätestens, wenn der Flug- und Schiffsverkehr CO₂-neutral werden soll, werden wir um die neuen Kraftstoffe nicht herumkommen. Das ist Technologie-Offenheit: Wir müssen mit allem arbeiten, was neue Energie in den Klimaschutz bringt.

Erstveröffentlichung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 10. Juli 2019

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