„Indien profiliert sich zunehmend als globales Innovationszentrum“
Mit knapp 1,5 Milliarden Einwohnern ist Indien das bevölkerungsreichste Land der Erde. Und nicht nur deshalb voller Superlative. Kein Wunder, dass die Wirtschaftswelt hoffnungsvoll auf den Subkontintent schaut, wie etwa jüngst geschlossene Handelsabkommen mit den USA und der EU zeigen. Ob die hohen Erwartungen gerechtfertigt sind, welche Chancen sich für Bosch ergeben und warum Indien als Software-Kompetenzzentrum immer wichtiger wird, darüber spricht Guruprasad Mudlapur, Landeschef von Bosch in Indien, im Interview.
Herr Mudlapur, sind die in Indien gesetzten hohen Erwartungen gerechtfertigt?
Ja, sie sind absolut nachvollziehbar. Indien wächst rasant, ist eine der größten Volkswirtschaften und der drittgrößte Automobilmarkt der Welt. Mit einem prognostizierten Wirtschaftswachstum von jährlich fast sieben Prozent, einer sehr guten digitalen öffentlichen Infrastruktur und einer sehr jungen und großen erwerbstätigen Bevölkerung profiliert sich Indien zunehmend als ein globales Innovationszentrum. Entscheidend für weiteres Wachstum sind fortgesetzte Investitionen in die Infrastruktur, die Geschwindigkeit des Technologiewandels und die Integration in globale Wertschöpfungsketten.
Was bedeuten diese Entwicklungen für Bosch?
Sie bergen enorme Chancen, auch und gerade für Bosch. Wir sind seit mehr als 100 Jahren im Land vertreten und hier mit unseren 18 Produktionsstätten und 7 Zentren für Forschung und Entwicklung fest verwurzelt. Damit sind wir sehr gut aufgestellt, um die steigende Nachfrage nach lokalisierten Lösungen in den Bereichen Mobilität, Energie- und Gebäudetechnik, Konsumgüter und Industrietechnik zu bedienen. Zudem ist Indien ein zentraler Software-Knotenpunkt für die gesamte Bosch-Gruppe. Wir entwickeln, produzieren und bieten Lösungen für den indischen Markt an und skalieren sie weltweit.
Wie richtet sich Bosch in Indien angesichts der tiefgreifenden Veränderungen im Mobilitätssektor strategisch aus?
Transformation ist angesichts der raschen Marktveränderungen ein klarer Schwerpunkt. Dabei passen wir uns nicht einfach an, sondern gestalten die Mobilität von Morgen aktiv mit und investieren gezielt in Zukunftstechnologien wie Elektrifizierung, Wasserstoff und intelligenten Fahrerassistenzsysteme (ADAS), während wir zugleich unsere starke Position in unseren Kerntechnologien weiter ausbauen.
Auf welchen Bereichen liegt hier der Schwerpunkt?
Wir haben substanzielle Investitionen in Wasserstoff getätigt. Dabei geht es um Komponenten für Lkw-Wasserstoffmotoren. Dafür haben wir eine eigene Testinfrastruktur aufgebaut, verfügen über ein voll einsatzfähiges Demonstrationsfahrzeug und haben unsere Komponenten bereits in Testfahrzeugen von Partnern auf Indiens Straßen. Parallel dazu engagieren wir uns stark in der Elektrifizierung. So haben wir jüngst beispielsweise ein Joint Venture mit Tata AutoComp Systems angekündigt. Die geplante Partnerschaft soll sich auf die Entwicklung, Fertigung und den Vertrieb von E-Achsen und E-Motoren in Indien konzentrieren.
Und jenseits von Antriebstechnologien?
Über Antriebstechnologien hinaus liegt unser Fokus auf der Entwicklung von Fahrerassistenzsystemen, die auf die Besonderheiten indischer Straßen zugeschnitten sind, Lösungen für die vernetzte Mobilität und Flottenplattformen, um unser Geschäft weiter zu diversifizieren. In Summe entwickelt sich Bosch Indien zu einem umfassenden Technologieintegrator für das sich wandelnde indische Mobilitätsökosystem. Software spielt dabei eine entscheidende Rolle.
Indien spielt eine Schlüsselrolle beim Übergang zu softwaredefinierten Fahrzeugen.
Inwiefern?
Der Wert eines Fahrzeugs wird zunehmend durch Software definiert. Autos entwickeln sich zu vernetzten Computerplattformen, deren Funktionen und Fähigkeiten sich mittels Over-the-Air-Updates auch nach dem Kauf erweitern können. Bei dieser Verschiebung spielt Indien für Bosch eine wichtige Rolle – über die Landesgrenzen hinaus.
Als ein zentraler Software-Knotenpunkt, wie eingangs von Ihnen angesprochen?
Genau. Das Tochterunternehmen Bosch Global Software Technologies hat in Bengaluru seinen Hauptsitz und beschäftigt allein an seinen indischen Standorten mehr als 20.000 Software-Spezialisten. Sie arbeiten an intelligenten Lösungen für ganz unterschiedliche Einsatzbereiche – sei es in der Fertigung oder dem Gesundheitswesen. Ein starker Fokus liegt aber auf Mobilitätslösungen. Indien spielt eine Schlüsselrolle beim Übergang zu softwaredefinierten Fahrzeugen, da der Markt starken Kostendruck mit wachsender Nachfrage nach digitalen Funktionen verbindet. Das macht das Land zu einem idealen Umfeld, um skalierbare, softwarezentrierte Fahrzeugarchitekturen zu entwickeln.
Bosch verfolgt global die Strategie, sein Geschäft balancierter aufzustellen. Wo liegen in Indien die größten Potentiale außerhalb des Mobilitätssektors?
Indien ist das bevölkerungsreichste Land der Welt, entsprechend groß sind die Potentiale. Unsere Bereiche jenseits der Mobilität wachsen erheblich. Der Geschäftsbereich Power Tools profitiert beispielsweise von den zunehmenden Investitionen in die Infrastruktur. Hier ist es unser Ziel, bis 2030 anderthalbmal schneller als der Markt zu wachsen, indem wir in neue Segmente investieren, unser Vertriebsnetz über die Metropolen hinaus erweitern und Produkte speziell auf den indischen Markt zuschneiden.
In ähnlicher Weise stärken wir bei Rexroth India unsere Position in der Antriebs- und Steuerungstechnik durch die Lokalisierung von Produkten mit einem klaren Fokus auf Elektrifizierung, Elektronifizierung und aufstrebende Sektoren. Wir sehen weitere Wachstumschancen in allen Bereichen, in denen wir aktiv sind – nicht zuletzt durch eine wachsende kaufkräftige Mittelschicht.
Das dürfte vor allem auf das Geschäft mit Hausgeräten zutreffen.
Das stimmt. Bei den Hausgeräten erhöht sich durch steigende Einkommen die Nachfrage nach hochwertigen Produkten. Hier sehen wir starkes Wachstum im Premium- und Mid-Premium-Segment. Indien ist ein preissensibler Markt. Trotzdem streben Verbraucher, die es sich leisten können, nach technologisch fortschrittlichen und energieeffizienten Produkten. Auch andere Bereiche wachsen aber vor dem Hintergrund.
Zum Beispiel?
Nehmen wir das Geschäft mit Klimaanlagen, in dem Bosch im vergangenen Jahr den größten Zukauf der Unternehmensgeschichte getätigt hat, um weltweit seine Position im Markt für Wohn- und kleine Gewerbegebäude zu verbessern. Das ist in Indien ebenfalls ein dynamischer Markt, in dem wir zweistellige Wachstumsraten erwarten. Auch hier gilt: Mit einer wachsenden kaufkräftigen Mittelschicht steigt der Bedarf.
Was sind die entscheidenden Schritte, die Bosch Indien in den nächsten drei bis fünf Jahren ergreifen muss, um sein volles Potenzial zu entfalten?
Wir denken langfristig und konzentrieren uns auf nachhaltiges Wachstum. Dafür entwickeln wir unser Produktangebot ständig weiter und gestalten unser Portfolio flexibel für unterschiedliche Marktentwicklungen – zum Beispiel bei Antriebstechnologien. Wir stärken unsere lokalen Lieferketten, um Abhängigkeiten zu reduzieren und setzen auf Partnerschaften, um Innovationen zu beschleunigen und unser Angebot zu erweitern. Nicht zuletzt investieren wir in die Qualifizierung und Entwicklung unserer Mitarbeitenden. Sie sind entscheidend, damit wir den vielfältigen technologischen Wandel nicht nur mitgehen, sondern gestalten und anführen können.



