An einem Strang ziehen
Geschichte

An einem Strang ziehen

Freundschaft in Zeiten der Krise

5 Minuten

28.09.2018

Vor 80 Jahren, im Herbst 1938, stand Europa am Rande eines Krieges. Die aggressive Außenpolitik Nazi-Deutschlands hatte die Tschechoslowakei ins Visier genommen.

Ein bemerkenswerter Brief von Mitarbeitern der englischen Firma Lucas an Bosch als Zeichen der Freundschaft in Krisenzeiten
Ein bemerkenswerter Brief von Mitarbeitern der englischen Firma Lucas an Bosch als Zeichen der Freundschaft in Krisenzeiten

Ziel war neben der Eingliederung der mit Sudetendeutschen besiedelten Gebiete ins Deutsche Reich letztlich die Zerschlagung des tschechoslowakischen Staates. Die Ende September eilig einberufene Münchener Konferenz, an der neben den britischen und französischen Premierministern Chamberlain und Daladier, auch die Diktatoren Hitler und Mussolini teilnahmen, erbrachte eine nur vorübergehende Lösung. Nazi-Deutschland durfte das Sudentenland besetzen, die Tschechoslowakei sollte aber ansonsten unangetastet bleiben. Es waren nervenzehrende Tage gewesen zwischen Hoffen und Bangen. Viele Menschen fürchteten einen neuen Krieg, die Erinnerung an den letzten war bei vielen noch sehr lebendig.

An einem Strang zogen nicht nur die Mitarbeiter der C.A.V.-Bosch, sondern auch die der beiden Mutterfirmen
An einem Strang zogen nicht nur die Mitarbeiter der C.A.V.-Bosch, sondern auch die der beiden Mutterfirmen

In diesem Klima schrieben die Mitarbeiter der englischen Firma Joseph Lucas Ltd. aus Birmingham einen bemerkenswerten Brief an Bosch in Stuttgart. Seit 1931 arbeiteten beide Unternehmen im Joint Venture C.A.V.-Bosch in London zusammen. Das Verhältnis war von gegenseitigem Respekt geprägt. Viele der Mitarbeiter kannten sich von Besuchen in Birmingham oder Stuttgart persönlich. Der Brief „an alle unsere Freunde in der Bosch-Organisation“ war eine Botschaft: „Jedoch möchten wir Sie versichern, dass unsere persönliche Freundschaft für Sie immer bestehen bleiben wird, und dass wir die vielen uns erwiesenen Freundschaftsdienste niemals vergessen werden. Wir möchten Sie bitten, mit uns zusammenzuarbeiten, damit eine Atmosphäre zwischen uns geschaffen wird, die über jeden Argwohn und Zweifel erhaben ist, und damit unsere Völker einander in Freundschaft und gegenseitigem Verstehen entgegenkommen können.“ Die Antwort folgte prompt: „Wir Boschler, die das Glück haben, mit so vielen von Ihnen seit langer Zeit durch anregendes und erfolgreiches Zusammenwirken verbunden zu sein, wissen ganz besonders die Freundesbotschaft zu würdigen, die Sie uns in ernster Zeit sandten. […] Möge auch unsere gemeinsame Arbeit für die Zukunft unter dem glücklichen Zeichen dieser verheißungsvollen Kundgebung für Frieden und Verständigung stehen.“

Start zum Betriebsausflug in den 1930er Jahren: die Mitarbeiter der C.A.V.-Bosch.
Start zum Betriebsausflug in den 1930er Jahren: die Mitarbeiter der C.A.V.-Bosch.

Es stand viel auf dem Spiel. Man hatte nicht nur freundschaftliche Bande geschlossen sondern auch jede Menge technisches Know-how ausgetauscht. Beide hatten ihre Patente offengelegt und in England wurden einige Produkte in Bosch-Lizenz hergestellt. Die Vorstellung, dass diese Produkte – etwa in Militärfahrzeugen – im Kriegsfall gegeneinander verwendet würden, war erschreckend. Dennoch konnte dieses Freundschaftsbekenntnis den Krieg freilich nicht verhindern, aber als Bosch in den 1950er Jahren im Vereinigten Königreich wieder tätig wurde, geschah dies mit Hilfe der alten freundschaftlichen Verbindungen zu Lucas.

Christine Siegel

Als Historikerin arbeite ich seit über 20 Jahren in der Historischen Kommunikation bei Bosch. Genauso lange bin ich für die historischen Printmedien verantwortlich, vor allem für das Magazin zur Bosch-Geschichte. Darüber hinaus betreue ich das historische Filmarchiv und bin Ansprechpartner für Fragen zur Geschichte von Bosch in Nord- und Südamerika und Großbritannien – für Letzteres besonders gerne, denn dort habe ich drei Jahre gelebt.

Aufnahme von Christine Siegel

Teile diese Seite auf