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Geschichte

Eigenständiges Denken fördern

Robert Bosch und die Volksbildung

Satzung des Vereins zur Förderung der Volksbildung

Am 1. Mai 1918 wurde in Stuttgart der Verein zur Förderung der Volksbildung gegründet, der Träger der dortigen Volkshochschule wurde. Vorsitzender und größter Geldgeber war Robert Bosch. Welche Beweggründe standen hinter dieser Unterstützung der Erwachsenenbildung?

„Ein Mensch, der einen gewissen Grundstock an Bildung hat, ist urteilsfähiger und auch verantwortungsbewusster. Er ist nicht mehr der Spielball unverdauter Schlagwörter, die so häufig Verführer zu allen möglichen Torheiten sind. […] Darum Förderung der Volksbildung auf der ganzen Linie!“

Robert Bosch

Sie hebt ein Volk und macht es nicht nur geeignet, sich wirtschaftlich zu behaupten, sondern gibt ihm auch die Fähigkeit, politisch richtig zu handeln und Irrlehren als solche zu erkennen.

Robert Bosch, 1923

Die Bedeutung der Volksbildung

Robert Bosch war ein rationaler Mensch. Hassreden und Polemik, die sich auf Un- oder Halbwahrheiten stützten, waren ihm zutiefst zuwider. Was ihn besonders umtrieb, war die Tatsache, dass zu viele Menschen Demagogen blind glaubten. Gerade in einer Zeit des politischen und wirtschaftlichen Umbruchs am Ende des Ersten Weltkrieges, in der es vielen Menschen an Orientierung mangelte, versuchten Männer wie Robert Bosch eine Antwort darauf zu finden, was für ein friedliches und progressives Miteinander in einem Volk notwendig sei.

Die Volksbildung war dabei ein zentrales Schlagwort. Die Idee war im Zuge der Aufklärung entstanden und hatte in der Reform- und Arbeiterbildungsbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in vielen Teilen der Gesellschaft Anhänger gefunden. Es ging darum, Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten eine allgemeinbildende und berufsorientierte individuelle Qualifikation zukommen zu lassen. Sie sollten aus eigener Erkenntnis richtig im Sinne einer guten Gesellschaft handeln. Ein wichtiger Aspekt dabei war es, Bildung unabhängig von politischen, religiösen, ideologischen Strömungen zu vermitteln.

Der Verein zur Förderung der Volksbildung

Villa im Grünen
Sein ehemaliges Wohnhaus in der Hölderlinstraße in Stuttgart stellte Robert Bosch dem Verein zur Verfügung.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts und vor allem während des Ersten Weltkrieges nahmen diese Überlegungen an Fahrt auf. So wurde am 1. Mai 1918 der Verein zur Förderung der Volksbildung gegründet. Die Initiatoren des Vereins begründeten die Notwendigkeit einer solchen Institution damit, dass der Krieg und seine absehbaren Folgen eine „auf allen Gebieten notwendige Steigerung unserer Leistungsfähigkeit (braucht)“, die „aber nur erreicht werden (kann), wenn die in unserem Volk schlummernden Kräfte planmäßig geweckt und entfaltet werden. Die Wege, auf denen man Geist und Herz unserer mündig werdenden oder gewordenen Volksgenossen bildet, müssen planmäßig studiert, geöffnet, beschritten werden“.

Mit dieser Prämisse ging der Verein zur Förderung der Volksbildung an den Start. Während Robert Bosch mit seinem ganzen Gewicht als bekannter und erfolgreicher Unternehmer den Vorsitz und einen Großteil der Finanzierung übernahm, wurde der Pädagoge Theodor Bäuerle sein Geschäftsführer. Bäuerle, der Robert Boschs Auffassungen zu Volksbildung teilte, baute innerhalb kürzester Zeit eine funktionierende Organisation auf und hielt sie mit viel persönlichem Einsatz am Laufen.

Die Volkshochschule Stuttgart

Blick auf ein Bücherregal
Die Bibliothek des Volkshochschulheims Comburg, das junge Menschen ausbildete.

Die durch den Verein gegründete Volkshochschule Stuttgart bot Kurse an, die von wirtschaftlichen Fragen bis hin zur Literatur und Musik auch Sportangebote umfassten. Es war genügend Zeit für Diskussion eingeplant, um das Gelernte zu verarbeiten. Die Freiheit der Auseinandersetzung sollte gewährleistet sein. Wichtig war die unbedingte Unabhängigkeit von ideologischen Strömungen. Angeschlossen an die Volkshochschule waren Werkstätten und Einrichtungen für Haushalt, Kinderpflege, Nähen und Gartenarbeit. Auch Volkshochschulheime für junge Frauen und Männer entstanden. In mehrmonatigen Kursen wurden die jungen Leute fürs Berufsleben fit gemacht. Die Anmeldezahlen stiegen beständig. 1932 nahmen knapp 15 000 Menschen an Kursen der Volkshochschule teil. Immer mehr Menschen nahmen das Angebot an.

Nationalsozialistische Einmischung

Diskussionsrunde
Offene Diskussion und offene Auseinandersetzung prägten die Kurse der Volkshochschule bis 1933.

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 wurde schnell klar, dass die demokratischen, unabhängigen Grundsätze des Vereins und der von ihm geführten Volkshochschule keine Zukunft hatten. Das Programm wurde nach und nach umgestaltet. Theodor Bäuerle versuchte in den nächsten drei Jahren, die freie Volksbildung im nationalsozialistischen Bildungsapparat zu verankern. Das konnte nicht funktionieren. Ein strammer Nationalsozialist hatte sich als 2. Vorsitzender in den Verein eingeschleust und den unbequemen Theodor Bäuerle zur nicht mehr tragbaren Person erklärt. Mit falschen Anschuldigungen und Hetzkampagnen sollte Bäuerles Absetzung erreicht werden. Robert Bosch reagierte und schlug den Vorstandsmitgliedern am 10. Juni 1936 unter Erläuterung seiner Beweggründe die Auflösung des Vereins vor. Der Umgang mit Bäuerle, den er als Herz und Motor des Vereins schätzte, war für ihn untragbar. Ohne Bäuerle wollte auch er nicht mehr weitermachen und zog sich vom Vorsitz zurück und damit auch seine finanziellen Mittel ab. Der Vereinsvorstand stimmte der Auflösung mehrheitlich zu.

Anerkennung des Rechtes und des Wertes anderer

Theodor Bäuerle am Schreibtisch
Der Direktor des Vereins zur Förderung der Volksbildung, Theodor Bäuerle

Robert Bosch hat Zeit seines Lebens zahlreiche Bildungsprojekte gefördert – ob höhere Bildung an Universitäten oder Aus- und Weiterbildung im eigenen Unternehmen. Die Volksbildung war ihm jedoch immer besonders wichtig gewesen. Theodor Bäuerle schilderte später die letzte Vorstandssitzung des Vereins, bei der dem rationalen Robert Bosch die Stimme versagte, als er nach der beschlossenen Auflösung das Schlusswort sprechen sollte. Dass die nationalsozialistische Einmischung mit Hass und Hetze sein Projekt der Volksbildung zerstörte, die ja gerade solches Handeln verhindern sollte, machte ihn fassungslos. War doch für ihn das Ziel der Volkshochschule „jedem Menschen das Bewusstsein zu geben, dass er […] als Mensch gewisse unveräußerliche Rechte besitzt, die sich zu verschaffen und zu erkämpfen er ein unbedingtes Recht und die Pflicht hat.“ Dass dieses nicht nur einem selbst, sondern auch für andere galt, war für ihn selbstverständlich: „Eine besondere Notwendigkeit und das erstrebenswerteste Ziel der Bildung ist die Erreichung einer Bildung des Herzens, einer Anerkennung des Rechtes und des Wertes anderer.“

Autorin: Christine Siegel

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