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Geschichte

Medizintechnik bei Bosch

Elektrotherapie, Hörgeräte und Hightech-Labordiagnostik

Ultrakurzwellen-Therapiegerät mit zwei Elektroden an verstellbarem Gestänge

Die Gesundheit war Robert Bosch ein großes Anliegen. Als Unternehmer beschäftigte er sich mit verschiedenen Bereichen der Medizintechnik und schuf damit die Grundlage für nachfolgende, innovative Produktentwicklungen – vom elektromedizinischen Therapiegerät bis zum vollautomatischem Analyseverfahren für molekulardiagnostische Tests.

In jeder Beziehung zufrieden sei er, schrieb der Stuttgarter Augenarzt Dr. Königshofer an die Vereinigten Physikalisch-Mechanischen Werkstätten Reiniger, Gebbert & Schall mit Sitz in Erlangen, New York und Stuttgart. Sowohl der elektrisch beleuchtete Augenspiegel als auch der Elektrisierapparat zur Schmerzbehandlung arbeiteten zuverlässig bei jährlich drei- bis viermaliger Wartung. Zuständig für den Vertrieb und die Instandhaltung der elektrisch-medizinischen Geräte im Stuttgarter Raum war kein anderer als der junge Unternehmer Robert Bosch mit seiner Werkstätte für Feinmechanik und Elektrotechnik.

Elektromedizinische Apparate aller Art waren im ausgehenden 19. Jahrhundert sehr beliebt, so war Boschs geschäftliches Engagement und zweites Standbein in diesem Bereich naheliegend. Die Vertretung der medizintechnischen Produkte gab er dennoch bald auf und wandte sich nach ersten erfolgreichen Aufträgen ganz dem Bau elektrotechnischer Apparate zu.

Frühe Elektrotherapie

Detaillierte Zeichnung einer Tauchbatterie

Die Tauchbatterie

Unerlässlich für die frühe Elektrotherapie um 1900: die sogenannte Tauchbatterie. Beim Öffnen des Deckels tauchten Kohle-Zink-Elemente in eine Chromsäurelösung ein, dadurch wurde der Strom für die Reizstromtherapie erzeugt.

In die eigentliche Entwicklung und Fertigung von Medizintechnik stieg Bosch in den späten 1940er Jahren ein. Ausgangspunkt für das neue Produktgebiet waren die vorhandenen Kompetenzen in der Radar- und Radiotechnik. 1947 wurden die ersten Kurzwellen-, wenig später auch Mikrowellen-Therapiegeräte gebaut. Diese wurden in Erinnerung an ihren Ursprung in der Radartechnik „Radarmed“ genannt und halfen durch hochfrequenten elektrischen Strom Wärme im Körpergewebe zu erzeugen und so Schmerzen zu lindern und die Durchblutung zu fördern.

1949 kam das Hörgerät „Omniton“ auf den Markt. Die langjährige Erfahrung mit Radioröhren kam bei diesem neuen Produkt zum Tragen, in miniaturisierter Form sorgten die Röhren nun auch in der Hörhilfe für die Signalverstärkung.

Arbeitsplatz in der Hörgerätemontage. Durch eine große Lupe sind die Hände einer Arbeiterin bei Lötarbeiten an der Elektronik zu sehen.
Einblick in die Fertigung im Jahr 1986: mit der Weiterentwicklung elektronischer Bauteile wurden die Hörgeräte immer kompakter und leistungsfähiger.

Beide Bereiche, Hörgeräte und Elektromedizin, bauten ihre Entwicklungskapazitäten rasch aus und begründeten 1952 die Medizintechniksparte. In direkter Nachbarschaft zur Elektronik-Forschung bei Bosch angesiedelt, profitierten die medizinischen Produkte mit als erste von den neuen Technologien. 1954 lösten in den Hörhilfen Transistoren die Röhren ab, 1955 ging eine neue Generation sehr kleiner Volltransistor-Hörgeräte an den Start. Neue Bauteile ermöglichten in den folgenden Jahrzehnten immer kleinere, leichtere und zudem sehr zuverlässige Hinter-dem-Ohr- und Im-Ohr-Geräte.

Verkaufsprospekt mit Abbildungen und Kurzbeschreibungen der Radarmed-Geräte.
Erfolgreiche Mikrowellentherapie: Mit den Geräten der Radarmed-Serie war Bosch in den 1980er Marktführer.

Auch die Mikrowellentherapie etablierte sich erfolgreich mit einem breiteren Spektrum an Gerätetypen. In den 1970er Jahren erweiterten Geräte zur Herz- und Kreislaufdiagnostik, Reizstrom-Therapie, Blutkonservenerwärmung sowie Ergometer das Programm der elektromedizinischen Geräte. Zur Unterstützung der Patienten zuhause bot Bosch Blutdruckmessgeräte, elektronische Fieberthermometer und Ultraschall-Inhalationsgeräte an.

Obgleich die starke internationale Konkurrenz in den 1980er zu einer Straffung des Produktprogramms führte, konnte die Medizintechnik ihren Platz im Unternehmen behaupten. Als Bosch zu Beginn der 1990er Jahre entschied, auf diesem Gebiet (zunächst) nicht weiter tätig zu sein, waren strategische Gründe ausschlaggebend: nach einer Neuausrichtung der Geschäftsbereiche passten Hörhilfen und elektromedizinische Geräte nicht mehr ins Portfolio.

Medizinische Anwendungen waren jedoch nicht nur von der Medizintechnik, sondern oft auch in anderen Bereichen umgesetzt worden – beispielsweise in der Materialforschung mit der Entwicklung von Hochleistungskunststoffen für künstliche Hüftgelenke oder bei der videotechnischen Ausstattung von Operationssälen. Den ersten Schritt zum Wiedereinstig machte 2003 ein Telemedizin-Projekt aus der Kommunikations- und Sicherheitstechnik.

Das Bosch Communication Center übernahm den 24-Stunden-Service eines Herz-Kreislauf-Monitorings für Risikopatienten. Weitere Projekte zur Patientenbegleitung mündeten im Jahr 2009 in der Gründung einer eigenen Gesellschaft.

Foto eines Vivalytic-Analysegeräts, davor liegen vier Testkartuschen.
Das Vivalytic-Analysegerät erkennt positive Proben bei der Auswertung des Bosch Corona-PCR-Schnelltests in unter 30 Minuten.

Die hohe Technologiekompetenz und die Fähigkeit, diese zielgerichtet anzuwenden, zeigte sich zu Beginn der Corona-Krise. Mit dem Vivalytic-Analysegerät stand ein kompaktes, intuitiv bedienbares All-in-One-Gerät zur Verfügung, das verschiedene molekulardiagnostische Tests durchführen und vor allem auch neue Testanforderungen umsetzen konnte. Innerhalb kürzester Zeit wurde im Frühjahr 2020 ein Covid-19-PCR-Schnelltest für das Vivalytic-Analysegerät entwickelt – und das Vivalytic-Gesamtsystem bewährte sich unmittelbar.

Neben der Weiterentwicklung universeller, vollautomatischer Labordiagnostiklösungen beschäftigt sich Bosch Healthcare Solutions heute intensiv mit vernetzten medizinischen Geräten und Systemen sowie medizinischen Komponenten aus Hochleistungskeramik.

Bettina Simon

Aufnahme von Bettina Simon

Seit 2006 arbeite ich in der Historischen Kommunikation bei Bosch, zunächst im Bereich der Schriftgutarchivierung, mittlerweile bin ich für die Technikgeschichte zuständig und kümmere mich um die Produktsammlung, außerdem betreue ich Ausstellungsprojekte in verschiedensten Museen.
Bei gutem Wetter drehe ich gerne eine Runde mit meinem Fiat 500 (Baujahr 1970).

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