Der dritte große Umbruch
Wie Bosch die KI-Revolution mit strategischen Partnerschaften erfolgreich und positiv gestalten will
16.06.2026
Was für eine Chance: Vor uns steht ein Epochenwandel, wie ihn nur wenige Generationen erleben; ein technologischer Umbruch mit Folgewirkungen, wie es sie in der Geschichte der Menschheit bislang wohl nur zwei Mal gegeben hat.
von Stefan Hartung
Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH
Zum ersten Mal vor ungefähr zehntausend Jahren, als einige Menschen nicht mehr als Nomaden durch die leere Welt ziehen wollen. Nach und nach werden immer mehr Gruppen sesshaft, leben nicht mehr vom Jagen, sondern von Ackerbau und Viehzucht. Damit ist die Grundlage für gesellschaftliche Ordnungssysteme und eine produzierende Wirtschaft gelegt.
Zum zweiten Mal vor gut 500 Jahren, als der Mensch erkennt, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist. Vernunft und Neugier setzen sich immer mehr durch, vor allem mithilfe des zeitgleich aufkommenden Buchdrucks – das wissenschaftliche Zeitalter, in dem wir heute noch leben, beginnt.
Und jetzt kommt der dritte große Umbruch – und damit meine ich natürlich die Künstliche Intelligenz. Immer schneller, immer spürbarer erfasst KI unseren Alltag, und doch glaube ich, dass wir erst am Beginn einer Entwicklung stehen, die unsere Gesellschaft und unser Denken vielleicht noch revolutionärer verändern wird als wir uns das heute vorstellen können. Wir haben in den vergangenen 150 Jahren viele bahnbrechende Erfindungen gesehen: Autos, Flugzeuge oder das Internet, die moderne Medizin oder die Kernenergie. Unser Alltag hat sich dadurch massiv verändert. Unser Weltbild nicht. Die KI jedoch stellt menschliche Alleinstellungsmerkmale in Frage – und damit auch unsere Selbstwahrnehmung.
Für uns als Unternehmer, Wissenschaftler, Entwickler, als Menschen, die KI vorantreiben, anwenden und prägen wollen, bedeutet das vor allem eines: Es liegt in unserer Verantwortung, das Zeitalter der KI von Beginn an in eine positive, lebensbejahende und freiheitliche Richtung zu lenken. Dabei müssen wir schnell und strategisch zugleich handeln – denn die Karten, die heute verteilt werden, bestimmen das Spiel auch noch in fünfzig Jahren.
Verbindung von physischer Welt und künstlicher Intelligenz birgt große Chancen
Eines wird immer deutlicher: Wenn wir die physische Welt, also die Welt der Maschinen und der Industrie, der Autos, der Medizin oder auch der Küchen eng mit künstlicher Intelligenz verbinden, dann kann die KI uns zum einen helfen, aus Standardprodukten nahezu unendlich viele individuelle Lösungen zu machen. Und zum anderen – noch wichtiger – kann sie das Leben sicherer und die Menschen leistungsfähiger machen. In der Mobilität zum Beispiel sorgt die KI bereits für erhebliche Durchbrüche, etwa beim automatisierten Fahren. Unsere Lösungen in diesem Bereich, vor allem unsere ADAS-Systeme, denken nicht nur mit, sondern auch voraus. Aus reaktiver Sicherheit wird intelligente Intuition; Gefahren werden nicht mehr bloß abgemildert, sondern von vornherein vermieden.
So testen wir etwa seit einigen Wochen auf chinesischen Straßen auch Level 3-Fahrfunktionen. Das heißt, der Fahrer oder die Fahrerin kann die Hände vom Lenkrad und die Augen von der Straße nehmen – sogar noch bei Tempo 120. Das Geheimnis dahinter: KI in allen Software-Bausteinen und die Kombination mit einer redundanten Sicherheitsarchitektur. KI wird in Verbindung mit unseren Sensoren, Steuergeräten und Fahrzeugcomputern das Autofahren zu einem völlig neuen Erlebnis machen – individueller, sicherer und komfortabler als je zuvor.
Bis Tempo 120 km/h
können Fahrerinnen und Fahrer bei Level 3-Fahrfunktionen die Hände vom Lenkrad und die Augen von der Straße nehmen.
Verzahnung von Robotik, KI und Sensoren bringen Roboter auf das nächste Level
Damit die KI ihr Potential aber auch voll entfalten kann, muss sie ihre Umwelt so genau verstehen und erkennen wie nur eben möglich. Intelligenz braucht Sinne, sie muss sehen, hören, tasten können. Erst durch Wahrnehmung wird Wissen zu Verstand, erst durch sensorische Erfahrung können Maschinen ähnlich wie Menschen lernen. Das gilt nicht nur im Straßenverkehr. Für einen humanoiden Roboter zum Beispiel war es lange einfacher, Dutzende von Sprachen zu sprechen als ein Weinglas anzuheben, ohne es zu zerbrechen. Hier kommen unsere ultrapräzisen MEMS-Sensoren ins Spiel. Sie messen Licht, Druck oder Bewegung, erkennen leiseste Geräusche und geringste Luftveränderungen. Besonders feinfühlige Roboter nehmen dank der Bosch-Sensoren mittlerweile Berührungen wahr, die in etwa dem „Aufschlag“ eines herabfallenden Moskitobeins entsprechen. Diese Verzahnung von Robotik, KI und Sensoren wird es Robotern immer mehr ermöglichen, ihr Umfeld holistisch zu erfassen und aus ihren „Erfahrungen“ zu lernen. Auf diese Weise werden wir den menschlichen Körper, seinen Verstand und seine Sinne zunehmend besser in einer Art „physischer Intelligenz“ nachbilden können. Welche Folgen das für Wirtschaft und Gesellschaft hat, ist eine spannende Frage – und auch darüber werden wir heute noch diskutieren.
Unser Umfeld ist also hochdynamisch: ein außerordentlicher technologischer Fortschritt vollzieht sich vor dem Hintergrund einer zunehmend fragmentierten Welt, in der viele politische Errungenschaften wieder vermehrt in Frage gestellt werden. Zugleich müssen Unternehmen ihre Innovationen nicht nur zügiger denn je entwickeln, sondern auch mit einem bislang unbekannten Tempo auf höchst unterschiedliche Märkte bringen. Umso mehr gilt: Wer neue Welten schnell erschließen will, der sucht sich besser starke Partner.
Faire und zuverlässige Zusammenarbeit mit Partnern in der Bosch DNA verankert
Für Bosch ist die enge, faire und zuverlässige Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen allerdings weit mehr als nur eine wichtige Strategie. Partnerschaften waren schon ein zentraler Baustein unserer Identität, als Robert Bosch vor mehr als 120 Jahren zusammen mit Teilhabern die ersten Vertriebsgesellschaften in Frankreich und England gründete. Seither haben wir gemeinsam mit zahlreichen großen und kleinen Unternehmen auf der ganzen Welt wegweisende Innovationen entwickelt und erfolgreich auf den Markt gebracht – von der auslaufsicheren Waschmaschine bis zu lebensrettenden Bremssystemen oder kollaborativen Softwarelösungen.
Jetzt gilt es also im Bereich der KI, Risiken gemeinsam zu schultern, Industriestandards zu schaffen und komplementäre Stärken zusammenzuführen. Wie so etwas in der Praxis perfekt funktionieren kann – und das sogar in verschiedenen Branchen –, sieht man zum Beispiel an unserer Partnerschaft mit Microsoft. Wir nutzen nicht nur die Hyperscale-Infrastruktur von Microsoft, um unsere Entwicklungszyklen ganz erheblich zu verkürzen, sondern arbeiten auch in der Mobility schon länger gemeinsam an Innovationen – zu nennen wären etwa unser „AI powered Cockpit“ oder verschiedene ADAS-Funktionen. Dabei verknüpfen wir das Bosch-Wissen quer über alle Fahrzeugdomänen mit der Software-Power von Microsoft.
15 Prozent Effizienzsteigerung
können in der Fertigung mit der agentischen KI-Lösung Manufacturing Co-Intelligence erreicht werden, während die Kosten um bis zu 30 Prozent sinken.
Und wenn unsere Tochtergesellschaft Bosch Connected Industry nun ihr Angebot um die agentische KI-Lösung Manufacturing Co-Intelligence weiter ausbaut, dann setzt sie dabei ebenfalls auf Microsoft-Technologie. Mit der Lösung, die wir auch in der eigenen Fertigung vorantreiben, werden Fehler im Produktionsprozess frühzeitig erkannt und Ausfallzeiten minimiert. Je nach Anwendung kann die Produktivität dadurch um bis zu 15 Prozent gesteigert werden, während die Kosten um bis zu 30 Prozent sinken. Langfristig ist aber noch viel mehr drin: Aus der vernetzten Fabrik wird zunehmend eine sich selbst ständig weiter optimierende Fabrik – das weist weit über die Industrie 4.0 hinaus und hebt die Fertigung auf ein völlig neues Niveau. KI macht Komplexität beherrschbar: Schwankungen und Fehler werden transparent, Zusammenhänge erkennbar: der Gesamtprozess kann in Echtzeit immer besser ausgewertet und gesteuert werden.
Bei Bosch sind wir jedenfalls überzeugt: Solche strategischen Partnerschaften sind von entscheidender Bedeutung für den geschäftlichen Erfolg in einem immer komplexeren Umfeld. Das gilt allerdings nur, wenn auch wirklich beide Seiten voneinander profitieren.
Verantwortlich Handeln – Regulatorik im gesunden Maße halten
Die Geschwindigkeit, mit der uns die KI neue Welten eröffnet, ist atemberaubend. Zugleich aber ist jede KI noch meilenweit von der Effizienz entfernt, mit der das menschliche Gehirn arbeitet – vor allem wenn man den gewaltigen Aufwand an Energie, Training und Infrastruktur berücksichtigt, der derzeit noch notwendig ist. Umso wichtiger ist es, dass wir „Low-Energy“-Lösungen konsequent weiterverfolgen und zugleich die sensorisch ganzheitliche Lernerfahrung der Maschinen und Roboter verbessern. Dieser Umbruch wird noch sehr lange andauern – weit über unsere Generation hinaus. Und so wie alle großen Zäsuren wird auch diese nicht nur riesige Chancen, sondern auch einige Unsicherheiten mit sich bringen.
Ich glaube aber nicht, dass sich das globale Zeitalter der Künstlichen Intelligenz durch regionale Verordnungen aufhalten oder auch nur bremsen ließe. Natürlich darf die KI nicht allein technisch betrachtet werden. Die sozialen und politischen Folgen werden zunehmend mitbedacht – und das ist auch richtig so: Wie bei jeder Technologie, deren Folgen nicht hundertprozentig abzuschätzen sind, müssen wir auch bei der KI vorausschauend und verantwortlich handeln.
Zu dieser Verantwortung gehört es allerdings auch – und hier blicke ich mit einer gewissen Sorge auf Deutschland und Europa – ein Zuviel an Vorgaben zu verhindern. Das gilt insbesondere in einer zunehmend auseinanderdriftenden Welt ohne international einheitliche Regulierung. Oder anders gesagt: Solange wir einen Missbrauch der KI durch andere nicht ausschließen können, müssen wir selbst KI auf allerhöchstem Niveau verstehen und anwenden können. Sowohl aus wirtschafts- wie aus sicherheitspolitischer Sicht sollten wir jetzt also auch in Europa das ungeheure positive Potential der KI entschlossen angehen und alles tun, damit wir im Wettbewerb der Weltregionen nicht noch weiter zurückfallen.
Für Bosch ist die Leitlinie dabei ganz klar. Auch bei der Künstlichen Intelligenz gilt uneingeschränkt: Unser Leitmotiv Technik fürs Leben gibt uns die Richtung: Es fordert von uns Technik nicht um der Technik willen, sondern im Dienste der Menschen.
Und wir freuen uns über alle Partner und Kunden, die diesen Weg mit uns gehen wollen.


