Das Bild zeigt Malene Freudendahl-Pedersen, Professorin für Stadtplanung. Im Hintergrund ist eine Straßenszene mit autonomen Fahrzeugen aus einer Stadt der Zukunft zu sehen.
Malene Freudendal-Pedersen

Verändert autonomes Fahren die Gesellschaft?

Ein Gespräch mit der Professorin für Stadtplanung an der Aalborg Universität in Dänemark

Clock 7 Minuten

Durch das automatisierte Fahren wird sich die Nutzung von Fahrzeugen in Zukunft grundlegend ändern. Was das für die Lebensqualität in Städten bedeutet und warum die neue Mobilitätsform ein Umdenken der Menschen voraussetzt, erklärt die Wissenschaftlerin Malene Freudendal-Pedersen.

Malene Freudendal-Pedersen sitzt an einem Tisch und diskutiert mit ihrem Gesprächspartner.

Was zieht Menschen in große Städte? Natürlich ist es die Vielfalt an Kultur und Jobangeboten, Bars und Clubs. „Vor allem aber sind es Orte, an denen man mit anderen Menschen zusammenkommt und Platz für Aktivitäten in der Natur ist“, sagt Malene Freudendal-Pedersen, Professorin für Stadtplanung an der Aalborg Universität in Dänemark. Und genau darin sieht sie ein Dilemma der Urbanität: Die lebenswertesten Orte sind solche, wo wenig oder sogar gar keine Autos fahren. Viele Städte sind aber auf das Auto als Haupttransportmittel ausgelegt. Überall soll man mit dem Fahrzeug problemlos hinkommen – die Straßen und Parkräume rauben den Platz für grüne Oasen.

„Wir müssen uns als Gesellschaft daran gewöhnen, Dinge zu teilen.“

Malene Freudendal-Pedersen, Professorin für Stadtplanung an der Aalborg Universität

Teurer Privatbesitz für kurze Strecken

Die größte Herausforderung bei der modernen Stadtplanung liegt für Freudendal-Pedersen deshalb darin, zwei Grundbedürfnisse auszubalancieren: Zum einen viel Raum für Parks und Grünflächen bieten, zum anderen eine nahtlose Mobilität gewährleisten. Bei Letzterem ist die sogenannte „Last Mile“, also die letzte Wegstrecke zum Ziel, das größte Problem: „Öffentliche Verkehrsmittel werden häufig nicht genutzt, weil sie nicht direkt bis zum gewünschten Ziel fahren. Das erklärt, warum immer noch viele innerstädtische Strecken, die mit dem Auto zurückgelegt werden, kürzer als fünf Kilometer sind“, erklärt die Professorin.

Wie kann man diese Herausforderung in Zukunft meistern? Freudendal-Pedersen sieht in Carsharing-Konzepten eine große Chance: Menschen würden Autos nicht mehr besitzen, sondern bedarfsbezogen mit anderen teilen. Damit werden Autos zu einem Baustein im Mobilitätsmix – eine Ergänzung zum öffentlichen Nahverkehr oder etwa dem Fahrrad. Das wird große Auswirkungen auf das städtische Leben haben und von der Gesellschaft ein Umdenken verlangen:

„Ein Auto, das einem nicht mehr allein gehört – an diesen Gedanken müssen sich viele erst gewöhnen.“ Für viele Menschen gelten Autos bis heute als Statussymbol. Malene Freudendal-Pedersen hat aber bereits eine Veränderung in der Gesellschaft festgestellt: Das Gefühl von Freiheit und Selbstverwirklichung wird nicht mehr in dem Maß vom Besitz eines eigenen Autos abhängig gemacht, wie es noch vor einigen Jahren der Fall gewesen sei.

Ein Smartphone in der Hand eines Menschen. Halbnah. Auf dem Screen die App SPLT in Benutzung.

Shared Mobility – nicht nur online wird geteilt

Gerade bei jungen Menschen gibt es bereits einen Bewusstseinswandel: „Die nachkommende Generation teilt viel mehr. Das fängt schon auf Social Media an. Hier werden Bilder und Gedanken oft mit unbekannten Menschen geteilt. Diese Haltung spiegelt sich auch offline, im Straßenverkehr, wider: „Bike- oder Carsharing-Angebote werden von jungen Menschen viel öfter wahrgenommen als von älteren“, so Freudendal-Pedersen. Das zeigt sich auch in verschiedenen Studien: In den deutschen Städten München und Berlin ist, laut einer Untersuchung im Rahmen der internationalen Konferenz für intelligente Verkehrssysteme, der Großteil der Carsharingnutzer zwischen 25 und 34 Jahre alt.

Das große Potenzial von autonomen Fahrzeugen

Eine zentrale Rolle bei der Weiterentwicklung von Carsharing-Konzepten wird zukünftig auch das autonome Fahren spielen. Die Zukunftsvision sieht so aus: Man bestellt sich ein autonomes Shuttle, es bewegt sich ganz ohne Fahrer durch den Verkehr, man steigt ein und wird zum gewünschten Zielort gefahren. Vor allem müsste man sich nicht um das Parken des Fahrzeugs kümmern, denn auch die optimale Auslastung – mit möglichst wenig Stillstand – kann das autonome Fahrzeug selbst übernehmen. Mit der effizienteren Verteilung sinkt dann auch der Bedarf an Parkplätzen – städtische Fläche, die auf andere, vielfältige Weise genutzt werden kann.

Der persönliche Bezug zum Fahrzeug und dessen Funktion als Statussymbol wird sich mit dem Aufkommen autonomer Shuttles damit sicherlich ändern. Manche grundlegenden Gewohnheiten bleiben aber auch mit selbstfahrenden Autos gleich, glaubt Malene Freudendal-Pedersen: „Eltern, denen es wichtig ist, ihre Kinder auf dem Weg in den Kindergarten zu begleiten, würden sie auch dann nicht alleine in ein selbstfahrendes Auto setzen“, sagt sie. „Trotz fortschreitender Automatisierung bleiben wir noch Menschen, mit allen emotionalen Bedürfnissen.“

Ein autonom fahrendes Shuttle in einer futuristischen Stadt.

Autonomes Fahren führt zu neuem Automobil-Konzept

„Es ist wichtig, dass wir als Gesellschaft in die neue Mobilität hineinwachsen“, meint Freudendal-Pedersen. Die Menschen müssten lernen, die neuen Möglichkeiten zu nutzen. Eine zu schnelle Einführung des autonomen Fahrens könnte viele Menschen überfordern. Aber dass Autos von heute auf morgen komplett alleine fahren, ist ohnehin noch nicht abzusehen – hier sind nach Ansicht vieler Experten noch viele technologische und rechtliche Fragen zu klären. Für Malene Freudendal-Pedersen steht aber fest, dass sich die Suche nach den richtigen Antworten lohnt: „Durch das automatisierte Fahren wächst die Chance, das Konzept ‚Auto‘ zu überdenken und zu verbessern.“

 

Malene Freudendal-Pedersen halbnah.

Malene Freudendal-Pedersen

Professorin für Stadtplanung an der Aalborg Universität in Dänemark

Malene Freudendal-Pedersen machte ihren Abschluss in Umwelt, Soziologie und Technologie an der Universität Roskilde in Dänemark, wo sie in Sozialwissenschaften promovierte. Nachdem sie einige Jahre außerhalb der Universität im Danish Architecture Center gearbeitet hatte, kehrte sie an die Roskilde Universität zurück, wo sie zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin und später als Professorin für Sustainable Mobilities tätig war. Seit Anfang 2019 ist sie Professorin für Stadtplanung an der Aalborg Universität.

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