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Geschichte

Bosch im Mittelmeerraum

Blaupause für Internationalität

Bosch Geschäft in Barcelona

Der Mittelmeerraum ist eine einzigartige Kulturregion in Europa, Afrika und Asien. Ursprung des Islam, des Christentums und Judentums, Epizentrum von Weltreichen seit der Antike. Die Region ist Ursprung der Demokratie, und hier nahm die weltweite Verbreitung lateinischer Buchstaben und arabischer Zahlen ihren Anfang auf dem Weg zu internationaler Geltung. Für Bosch spielte die Mittelmeerregion eine entscheidende Rolle auf dem Weg zum Global Player. Zeit für eine Rundreise in eine Ära am Beginn der Erfolgsgeschichte von Bosch.

Auftakt im Norden

Mephisto Werbung Bootsrennen

Erfolg mit Rennen

Der Januar 1897 an der französischen Côte d’Azur bot ein ganz besonderes Schauspiel: das weltweit erste Berg-Autorennen. Die Route: Marseille – Nizza – La Turbie. Die Distanz: 233 Kilometer. Dieses legendäre Rennen am nördlichen Mittelmeer war der Auftakt zu harten Bewährungsproben für Mensch und Material, und seine Nachfolgeveranstaltungen demonstrierten eindrucksvoll, welche Technik für das Automobil die zuverlässigste ist. Für den Autozulieferer Bosch war das ein Erfolgsfaktor: Wenn alle Wagen mit Bosch-Zündung das Ziel erreichten, und auf den ersten Plätzen landeten, zeigte das die Überlegenheit der Technik. Das war eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg in Frankreich, Spanien und Italien, großen Märkten des Mittelmeerraums in der Frühphase des Automobilismus.

Zweiter Aufbruch im Süden

„Die Vertretung für Ägypten und den Sudan ist Ihnen versuchsweise auf zwei Jahren anvertraut“ so schrieb Robert Bosch am 29. Juli 1913 an die in Kairo ansässige Handelsfirma S. A. Wisnom. „Die Auskünfte, die ich über Ihr geschätztes Haus erhalten habe, lassen mich glauben, dass meine Vertretung bei Ihnen in guten Händen ist. Ich zweifle nicht daran, dass wir unsere Abmachung wieder auf zwei Jahre werde erneuern können.“ In dieser Zeit brachte Bosch Handelsbeziehungen zu vielen Ländern auf den Weg, die in der ersten Phase des Automobilismus noch nicht im Fokus gestanden hatten, weil dort aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung und der insgesamt geringen Bevölkerungsdichte und Verkehrsinfrastruktur noch kein nennenswerter Automobilmarkt vorhanden war. Das änderte sich seit etwa 1910, als Bosch auf allen Kontinenten Fuß gefasst hatte.

Werbung für die Bosch-Magnetzündung in hebräischer Sprache, 1923
Werbung für die Bosch-Magnetzündung in hebräischer Sprache, 1923

Im Mittelmeerraum etablierte sich Bosch jetzt mit einer Vertretung in der Türkei, drei Jahre später in Ägypten und Griechenland. Bosch setzte auf Präsenz nicht nur dort, wo Märkte umsatzstark waren, sondern auch dort, wo sie vielversprechend waren. Im Ergebnis übertraf der internationale Verkaufsanteil sogar heutige Zahlen. Bosch erwirtschaftete Ende 1913 88,7 Prozent des Umsatzes außerhalb Deutschlands, denn die Magnetzündung, der Haupt-Umsatzträger, war weltweit führend und hatte kaum Konkurrenz.

Der Erste Weltkrieg brachte eine der tiefsten Krisen des Unternehmens mit verheerenden wirtschaftlichen Folgen. Bosch verlor die meisten internationalen Besitzungen und musste nach dem Krieg die internationalen Beziehungen zu den Partnern in jenen Ländern wiederaufbauen, wo sich Soldaten noch wenige Monate zuvor in den Schützengräben der Kriegsfront bekämpft hatten. Der Neustart bot aber auch Gelegenheit, neue internationale Netzwerke aufzubauen.

Weltkarte

Die Landkarte aus einem Verkaufsprospekt von 1936 zeigt die Aktivitäten von Bosch im Mittelmeerraum vor über 80 Jahren. In einem guten Dutzend Ländern waren Bosch-Produkte damals schon erhältlich. Es waren vielfach keine unternehmenseigenen Gesellschaften, sondern etablierte Handelspartner, die mit ihrer Erfahrung das Geschäft im Auftrag von Bosch betrieben und die Marke vor Ort bekannt machten.

Der Ring ums Mittelmeer schließt sich

Die Bosch-Vertretung in Casablanca, Marokko, 1960
Die Bosch-Vertretung in Casablanca, Marokko, 1960

In den 1920er und 1930er Jahren erhöhte Bosch die Zahl der Länder mit Vertretungen. Das galt für Regionen des Mittelmeerraums, die bislang über andere Regionalvertretungen von Bosch versorgt wurden und in denen ein direkter Handelspartner für Bosch die bessere Option war. Erst so erhielt das Unternehmen Informationen über die Marktentwicklung und notwendige Entscheidungen wirklich aus erster Hand und konnte sich darauf einstellen. Zu den neuen Ländern zählten Staaten der Levante im südöstlichen Mittelmeerraum wie Syrien und Israel, aber auch Anrainerstaaten der Adria wie Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Montenegro und Slowenien. In den nordafrikanischen Staaten Marokko, Algerien, Tunesien und Libyen schloss Bosch später, unmittelbar nach deren Eintritt in die Unabhängigkeit von den alten Kolonialmächten Verträge mit regionalen Handelshäusern, in Libyen 1954, in Algerien 1956 und in Marokko und Tunesien 1958.

So unterschiedlich die Entstehungsgeschichte der Präsenz von Bosch in den Mittelmeerstaaten auch ist, einer Leitlinie ist Bosch bis heute immer gefolgt: dem möglichst freien Handel wie auch dem freien Wettbewerb der Anbieter. Gerade in Zeiten des zunehmenden Nationalismus gilt heute für diese Region wie für alle in der Welt nach wie vor ein visionäres Zitat von Robert Bosch: „Der Zweck der Weltwirtschaft ist: Den Erdbewohnern das größte Wohlergehen sicherzustellen. Alle Errungenschaften des menschlichen Geistes sollen allen unseren Mitmenschen in möglichst großem Ausmaße zur Verfügung stehen.“

Der Eurasia-Tunnel in Istanbul, Türkei ist mit Bosch-Video- und Brandmeldetechnik ausgestattet.
Der Eurasia-Tunnel in Istanbul, Türkei ist mit Bosch-Video- und Brandmeldetechnik ausgestattet.

Dietrich Kuhlgatz

Seit 1998 arbeite ich bei Bosch und bin stellvertretender Abteilungsleiter. Als Fachreferent und Pressesprecher bin ich zuständig für Anfragen zur Bosch-Produktgeschichte weltweit und pflege Kontakte zu Technik- und Verkehrsmuseen. Ich bin für historische Anfragen in Asien, Australien und Afrika zuständig.
Bevor ich zu Bosch kam, habe ich Geschichte und Philosophie in Konstanz und Hamburg studiert. Danach war ich zunächst Zeitschriftenredakteur und danach wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Technikmuseum Berlin.

Aufnahme Dietrich Kuhlgatz

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